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Eine Kämpferin mit großem Herzen

SrOrtrudisStarkAm vierten Ostersonntag, dem Sonntag des Guten Hirten, rief der auferstandene Herr, unsere Mitschwester M. Ortrudis Stark in seine Osterherrlichkeit. Schwester Ortrudis wurde am 10. März 1934 in Heidelberg geboren und am 13. März auf den Namen Maria Rita getauft. Sie war die älteste von drei Kindern der Eheleute Hermann und Magdalena Stark, die in Wiesloch eine Landwirtschaft besaßen.

Maria besuchte von 1940 bis 1952 die Volksschule, anschließend die ländliche Berufsschule und im Winterhalbjahr von 1951/52 die Landwirtschaftsschule in Wiesloch. Nach der Schulentlassung half sie den Eltern in Haushalt und Landwirtschaft. Seit Oktober 1955 spürte Maria den Ruf in die Nachfolge Jesu. Sie trat im März 1956 in unsere Gemeinschaft ein. Als Kandidatin besuchte sie von 1956 bis 1958 das Kindergärtnerinnen Seminar St. Hildegard in Würzburg. Nach der beruflichen Ausbildung wurde Maria 1959 in das Noviziat aufgenommen und erhielt den Namen Schwester M. Ortrudis. 1961 legte sie die Profess für drei Jahre ab und 1964 die Profess auf Lebenszeit.

Ihr erster beruflicher Einsatz als Erzieherin war von 1961 bis 1964 in Stadelschwarzach und von 1964 bis bis 1966 in Schonungen. Zwischenzeitlich war sie 1964 im Mädchenheim Schnaittach im Nürnberger Land eingesetzt. Wegen ihrer pädagogischen Erfahrung und auch Eignung kam Schwester Ortrudis von 1966 bis 1967 in unser Fürsorgeheim Oberzell.

 Um- und Aufbruch in der Pädagogik verinnerlicht

Um ihre pädagogischen Fähigkeiten weiter zu entwickeln, besuchte sie von 1967 bis 1968 das neu gegründete Heilpädagogische Seminar in Würzburg bei Professor Peter Flosdorf. Diese Zeit war in der Pädagogik geprägt von Pioniergeist, Um- und Aufbruchstimmung und Neuentwicklungen. Professor Flosdorf entwickelte therapeutische Ansätze bei den stationären Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen. Im Mittelpunkt der Ausbildung steht die praxisorientierte, heilpädagogische Beziehungsgestaltung. Sr. Ortrudis sog das Wissen förmlich in sich auf und verinnerlichte es als ihre eigene pädagogische Haltung.

So schrieb die Heimleiterin aus dem Mädchenheim München-Thalkirchen während der fünfwöchigen Praktikumszeit über Schwester Ortrudis:

Schw. Ortrudis brachte bereits das nötige theoretische Wissen und die praktische Erfahrung mit, so dass sie allen erzieherischen Anforderungen, auch bei den schwierigsten Mädchen, gewachsen war. Sie wandte sich den ihr gestellten Aufgaben mit großer Freude und Intensität zu. Man spürte, dass ihr die pädagogische Betreuung junger seelisch gestörter Menschen ein tiefempfundenes Anliegen bedeutete.“

Nach Abschluss des Lehrgangs wurde sie wieder in der Erziehungsarbeit eingesetzt. Von 1968 bis 1973 kam sie als Erzieherin nach Bamberg ins Walburgisheim. Dort war sie im Internat für die Schülerinnen der Haushaltungsschule für Mädchen mit besonderem Förderbedarf tätig.

Mit den Mädchen zum Abschlussball

1973 wurde sie als Heilpädagogin in unser Mädchenheim Oberzell und 1975 ins Haus Antonia Werr nach Würzburg versetzt. Sie ist damals schon in zivil mit den Mädchen zum Abschlussball gegangen und hat sich von den Friseurlehrlingen ihre Haare richten und färben lassen. Schwester Ortrudis hatte einen streitbaren Charakter. Besonders wenn es um die Belange ihrer Anvertrauten ging. Da kämpfte sie wie eine Löwin und war absolut parteilich für die jungen Mädchen. Zudem war sie eine begeisterte Autofahrerin. Der rote Käfer im HAW war ihr Heiligtum. Als sie vor wenigen Jahren aufgrund ihres Alters und aus gesundheitlichen Gründen das Autofahren aufgeben musste, fiel ihr das sehr schwer.

Im September 1985 begann sie ihre Tätigkeit als Gruppenerzieherin in St. Ludwig. Auch hier war sie bereit, sich parteilich für ihre Mädchen einzusetzen. Sie war kreativ und ideenreich in den Beschäftigungsangeboten, förderte die Fähigkeiten der Mädchen und lockte neue Talente hervor. Mit einigen Ehemaligen stand sie bis zuletzt in Verbindung. Wenn es nötig war, vertrat sie vehement ihren eigenen Standpunkt und scheute sich nicht vor Auseinandersetzungen. Im Konvent galt sie als aufmerksam und hilfsbereit. Schwester Ortrudis liebte die Natur. Mit Mädchen und Schwestern unternahm sie im Urlaub oder in Freizeiten Fahrten und bewunderte die Schönheit der Schöpfung. Sie interessierte sich für den nächtlichen Sternenhimmel und beobachtete Sonnen- und Mondfinsternisse.

Initiative ergriffen

In den 1990er und 2000er Jahren gab es eine Gruppe von Schwestern, die sich einmal im Monat im Konvent Magdala traf und sich zu den Anliegen „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ austauschte. Als wache Zeitungsleserin gab Schwester Ortrudis so den Hinweis, dass die Verbindungsstraße zwischen Würzburg und Kloster Oberzell am Zeller Bock ausgebaut werden sollte. Ich höre heute noch ihre Worte in meinem Ohr: „Wenn wir Schwestern hier nicht aktiv werden, werden wir noch mehr Verkehr vor unserer Haustür bekommen.“ So wurden wir aktiv, organisierten Demonstrationen, schrieben Protestbriefe ans Rathaus, gründeten mit den anderen Nachbarn eine Bürgerinitiative, protestierten mit Transparenten an unseren Klostermauern und machten viel Medienarbeit. Wie sich nach vielen Jahren herausstellte: Mit Erfolg. Am Ende wurde die Straße saniert und alle Zuschüsse vom Freistaat bezahlt, aber aufgrund des Ensembleschutzes unserer denkmalgeschützten Mauern der LKW-Verkehr weiter ausgesperrt.

Seit 1992 lebte Schwester Ortrudis im Konvent Padua im Antoniushaus. Dort wirkte sie weiterhin als Chauf­feurin und in der Hauswirtschaft. Auf der Pflegestation half sie wenn Not war und gab den Kranken das Essen ein. Im Juni 2020 zog sie auf die Pflegestation des Antoniushauses um. 

Auf der Grabplatte unserer Gründerin im Seitenschiff der Kirche ist Antonia Werr auch als Gute Hirtin dargestellt. Schwester Ortrudis hat sich ganz in diesen Sendungsauftrag unserer Gemeinschaft eingelassen und war eine solche Hirtin für die ihr anvertrauten Mädchen und jungen Frauen. Aufrichtig und klar, Orientierung gebend und fürsorglich, einfühlsam und streng, geradlinig und konfrontativ, begleitend und bisweilen kämpferisch.

Im Nachlass von Schwester Ortrudis fand sich folgendes handschriftlich von ihr aufgeschriebenes Gebet: „Herr Jesus Christus, ich suche Deine Nähe. Laß' leuchten über mir Dein Angesicht, damit ich Deiner Gegenwart inne werde. Laß' laut werden in mir Dein Wort, damit ich Dich höre und Dir gehöre. Amen.“ Schwester Ortrudis, Du hast in Deinem Ordensleben auf die Stimme des Guten Hirten gehört und ihm Dein Leben geschenkt. Am Sonntag des Guten Hirten hast Du ihm Dein Leben zurückgegeben und gehörst ihm nun ganz. Wir dürfen glauben, dass der Auferstandene Dich an der Hand genommen hat und in sein österliches Leben führte, das keinen Tod mehr kennt.

Sr. Katharina Ganz

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