Ich bin Oberzeller Franziskanerin, weil mir Wahrhaftigkeit und Authentizität wichtig sind. Gott ist die Wahrheit – durch dieses Leitmotiv fühle ich mich mit unserer Ordensgründerin Antonia Werr sehr verbunden.
Meine erste Begegnung mit Oberzeller Franziskanerinnen hatte ich in unserer Heimatgemeinde Wittighausen. Dort wirkten die Schwestern in der Krankenpflege und im Kindergarten. Die Oberin Sr. Rufina Horas war ein sehr offener, mütterlicher Mensch. Sie und die anderen Schwestern nahmen sich Zeit für uns Kinder, unterhielten sich gerne mit uns – auf Augenhöhe, freundlich, zugewandt.
Meine Familie war sehr fromm. Wir waren acht Geschwister, und der Glaube gehörte ganz selbstverständlich zu unserem Alltag. Vor der Schule gingen wir älteren Geschwister jeden Tag in die Kirche. Einer meiner Brüder trat später bei den Karmeliten ein. Ich erinnere mich noch gut an den Besuch der Berufsberaterin in der Volksschule. Sie fragte jeden von uns, was wir mal werden wollen. Damals wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte, und antwortete aus dem Bauch heraus: Ordensschwester im Kloster.
1954 entschied ich mich, nach Oberzell in die Mittelschule zu gehen und erlebte drei wunderschöne Jahre in klösterlicher Gemeinschaft. Als mich die damalige Generaloberin fragte, was ich nun nach meinem Abschluss werden möchte, antwortete ich „Menschenhelferin“. Ich war sehr gut im Rechnen und in der Buchführung. Daher ging ich auf ihr Anraten anschließend in die kaufmännische Berufsfachschule. Kurz darauf, mit 18 Jahren, begann mein Postulat in Oberzell. Ich arbeitete zunächst im Sekretariat und erinnere mich besonders an mein Noviziat: Es bestärkte mich, dass ich den richtigen Weg gewählt hatte. Ich spürte die Berufung vor Gott, er sollte mein Seelenführer sein. Nie vergessen werde ich den Unterricht bei Spiritual Hessler. Mein Glaube vertiefte sich. Mit 21 Jahren legte ich die Erstprofess und mit 24 Jahren die ewige Profess ab.
Von 1963 bis 1975 war ich im Büro unseres Fürsorgeheims tätig. Ich war sozusagen „Mädchen für alles“, begleitete die Mädchen zu Terminen und beaufsichtigte sie. Es war nicht immer leicht, und ich habe in dieser Zeit sehr viel dazu gelernt. Ich mochte es, im Büro zu arbeiten und gleichzeitig für die Mädchen da zu sein. 1975 wechselte ich in das neu erbaute Haus Antonia-Werr und arbeitete in der Verwaltung, später auch in der Leitung. 1989 wurde ich in das Jugendhilfezentrum Schnaittach versetzt.Hier war ich als Oberin für den Schwesternkonvent verantwortlich. Es waren für mich schöne und fruchtbare Jahre. Ich engagierte mich im Pfarrgemeinderat, half bei der Gründung eines Frauennotrufs mit, eines Frauenhauses in Schwabach und war Teil des Gesprächskreises „Tankstelle“ – ein Treffpunkt für Frauen, den es heute noch gibt.
Dann kehrte ich zurück nach Oberzell. 25 Jahre lang arbeitete ich in der Buchhaltung. Als das Generalkapitel in dieser Zeit den Schleier als freiwillig erklärte, entschied ich mich, ihn abzulegen. Die Medaille genügte mir als äußeres Zeichen meines Ordenslebens.
Bis 2024 wohnte ich in der Würzburger Innenstadt im Konvent Nazareth und besuchte gerne ältere Menschen, die niemanden hatten. Nun lebe ich wieder im Mutterhaus. Im Alter hat sich mein Glaube noch mehr vertieft, vor dem Einschlafen halte ich gerne Zwiegespräch mit Gott. Das tut mir gut. Schon immer rufe ich vor schwierigen Gesprächen den Heiligen Geist an. Und wenn ich mal etwas verlege, hilft der heilige Antonius – bisher immer. Natürlich sind mir neben unserer Ordensgründerin auch der Heilige Franziskus und die Heilige Elisabeth von Thüringen große Vorbilder. Sie lebten arm und bescheiden und setzten sich für Menschen
am Rande der Gesellschaft ein. Sie alle zeigen mir, was es heißt, wirklich franziskanisch zu leben.