
Ein roter Kreis, darin die Leerstelle eines kleinen Kreuzes: Seit Sonntag, 19. Juli, ist an der Mauer zwischen dem Vorplatz der Klosterkirche und dem angrenzenden Parkplatz ein „Schmerzpunkt“ aus Glas angebracht. Die Oberzeller Franziskanerinnen beteiligen sich damit an einer Kunstintervention, die während des Katholikentags in Würzburg erstmals gezeigt wurde. Sie erinnert an das Leid von Menschen, die sexualisierte Gewalt und den Missbrauch geistlicher Autorität im Raum der katholischen Kirche erfahren haben.
Im Sonntagsgottesdienst stellte Sr. Rut Gerlach den „Schmerzpunkt“ und seine Bedeutung vor. Die Farbe Rot habe eine starke Signalwirkung und kennzeichne etwas, das wahrgenommen werden müsse. Auch Schmerzen würden häufig mit einem roten Punkt markiert. Das Kunstwerk greift dieses Bild auf: Auf eine Glasplatte ist ein roter Kreis gesprüht. In seiner Mitte bleibt die Form eines Umhängekreuzes als helle Leerstelle sichtbar.
Geschaffen wurde der „Schmerzpunkt“ von der Künstlerin Susanne Wagner. Ihr Werk versteht sie nicht als abgeschlossenes Kunstobjekt, sondern als Intervention und Teil einer aktiven Erinnerungskultur. Während des Katholikentags waren solche Schmerzpunkte an 14 Kirchen und weiteren Veranstaltungsorten in Würzburg zu sehen. Anschließend sollte das Zeichen bewusst weitergetragen werden – in Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften und kirchliche Einrichtungen.
Mit der Installation in Oberzell bringen die Oberzeller Franziskanerinnen ihre institutionelle Verantwortung zum Ausdruck. Der „Schmerzpunkt“ soll dazu beitragen, dass das Leid der Betroffenen nicht vergessen und das Thema nicht vorschnell als erledigt betrachtet wird. Aufarbeitung ist ein fortdauernder Prozess, der auch strukturelle Veränderungen verlangt. Zugleich bleibt die Installation eine beständige Mahnung, alles dafür zu tun, sexualisierte Gewalt und geistlichen Missbrauch wirksam zu verhindern.
Die handwerkliche Ausführung des gläsernen „Schmerzpunkts“ übernahm Matthias Engert. Der Silberschmied arbeitete über drei Jahrzehnte als Mieter in einem Pavillon auf dem Klostergelände.