headeroberzell

Arbeitshilfe gibt pastorale Anregungen für kirchliche Gruppierungen: Die Engagierten stärken, Dialog ermöglichen, die Geister unterscheiden und mit negativen Emotionen umgehen lernen.

Eine Arbeitshilfe zur Herausforderung des Populismus und den Umgang damit in Gemeinden, kirchlichen Verbänden und Gruppen hat das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben. Der Expertentext, gespickt und – auch gestalterisch und optisch unterbrochen – mit zahlreichen positiven Praxisbeispielen, soll in erster Linie Anregungen und Leitlinien für Diskussionen und Aktivitäten im kirchlichen Kontext geben. Entstanden ist das insgesamt 76 Seiten umfassende Heft aus Beratungen in der Migrations- und der Pastoralkommission, der Deutschen Kommission Justitia et Pax sowie einer Autor*innengruppe rund um Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin). Daneben waren zahlreiche Frauen und Männer aus kirchlichen, wissenschaftlichen und politischen Kreisen an dessen Entstehung beteiligt.

In sechs Kapiteln beleuchten die Autor*innen verschiedene Facetten. Zu Beginn betonen die Bischöfe der beteiligten Kommissionen, dass gerade der alltägliche Populismus dem Grundprinzip des Wortes Populismus (vonlat. populus das Volk) widerspreche, nämlich der Nähe zu allen Menschen. Der herausfordernde Populismus sei bedrohlich, weil er auf Exklusivität und Ausgrenzung jener setze, die nicht seit jeher zu uns gehören. So mache sich ein „nationaler Egoismus“ breit, Staaten und Regionen drifteten auseinander. Er säe Misstrauen und Zwietracht zwischen den Menschen, die seit jeher Freiheit und Sicherheit genießen, und denen, die geflüchtet sind, aber auch denen, die sich für diese Menschen engagieren. Populismus verführe zu einer Schwarz-Weiß-Malerei und neuer Kleingeistigkeit, schreiben die Bischöfe, und verführe zu undifferenzierter Argumentation – verbreitet oft via sozialer Netzwerke – mittels Lügen oder Hassparolen und spaltet die Gesellschaft bis in die Familien und damit auch in die kirchlichen Verbände und Gruppierungen hinein. Aus Überzeugung, dass Glaube und katholische Tradition zu diesen Merkmalen jedoch im Widerspruch stehen, möchten sie einen Diskussionsprozess anstoßen. Weiter findet sich eine Rede von Papst Franziskus abgedruckt, gehalten bei einer Konferenz mit dem Titel ‚Fremdenhass, Rassismus und Populismus im Zusammenhang mit weltweiter Migration‘. In seiner Ansprache forderte er die Christ*innen auf, sich von diesen Phänomenen berühren zu lassen und ihnen nicht gleichgültig gegenüberzustehen. Der Papst nennt die Familie als ersten Ort, „an dem man von klein auf die Werte des Teilens, der Annahme, der Brüderlichkeit und der Solidarität erlernt“. Er fordert insbesondere Führungskräfte (aller Religionen) auf, jene ethischen Prinzipien und Werte zu verbreiten, die Gott selbst in die Herzen eingeschrieben habe. Gerade für Christ*innen nehme die moralische Verantwortung eine noch tiefere Bedeutung an: alle Menschen seien Mitglieder einer einzigen Familie, geschaffen nach dem Bild Gottes. „Christ zu sein ist ein Ruf, gegen den Strom zu schwimmen (…).“

Populismus wörtlich
Strategien und Inhalte rechtspopulistischer Bewegungen sind im zweiten Textkapitel dargestellt. Diese reichen von den Merkmalen und Gefahren des gleichnamigen Politikstils, der mit der Behauptung spielt, alleinig für das ‚eine‘ Volk oder das ‚eigentliche‘ Volk zu sprechen und handeln, bis hin zu konkreten Themen, auf die sich die Anhänger*innen zumeist konzentrieren. Als eine Art Lösungsvorschlag zeigen die Autor*innen die ‚Gelebte Demokratie‘ auf. Gründe für und Anhänger*innen von rechtspopulistischen Bewegungen sucht der Abschnitt ‚Verlustängste und Verteidigung der eigenen Lebensweise‘. Attraktiv erscheinen die Gruppierungen und Tendenzen demnach vor allem für die den Menschen, die „heute zukünftige Verluste befürchten“, ist zu lesen. „Die Rede ist etwa von Ängsten vor politischem Kontrollverlust, der Schwächung eigener kultureller und normativer Prägungen, sozialem Statusverlust, einer Verschlechterung der Chancen für die eigenen Kinder, dem Verlust eigener Privilegien.“ Kirche sei deshalb besonders in der Verantwortung, denn sie stehe ja für ein Mehr an Miteinander, Zugehörigkeit und Teilhabe. Auf ähnliche Art und Weise formulierte es auch Papst Franziskus in der Enzyklika ‚Laudato si‘, als er das Bild von der Welt als einem gemeinsamen Haus darstellte, dessen Sorge man sich nicht entledigen kann. Kirche müsse deshalb dazu beitragen, politische Aushandlungsprozesse zu den großen Zukunftsfragen anzuregen und voranzutreiben. Betreffend Antisemitismus und Rechtspopulismus scheint es auf den ersten Blick wenig Zusammenhang zu geben: in weiten Teilen stoße ‚unverhohlener Antisemitismus‘ auf Ablehnung, jedoch könne eine Tendenz beobachtet werden, wonach die Grenzen des Sagbaren sich allmählich ausweiteten. Leider gibt es Strömungen, die darauf hinarbeiten, dass jüdische und nichtjüdische Deutsche mit dem Islam einen gemeinsamen Feind hätten. Vertreter*innen jüdischer Gemeinden warnen vor einer doppelten Gefahr: zum einen, dass antisemitische Ressentiments salonfähig würden und der aufkommende arabischislamische Antisemitismus zu einer wachsenden Bedrohung würde.

Der nächste Block der Arbeitshilfe beschäftigt sich mit dem Komplex Flucht und Asyl. Migration gilt als eines DER großen Themen unserer Zeit. Die vielschichtige Problematik der Fluchtursachen und der daraus resultierenden Bewegungen wird vielfach auf eine „verführerisch einfache Formel“ gebracht und spielt rechtpopulistischen Bewegungen in die Hände, indem es mit Bildern wie der Angst vor dem Fremden oder unkontrolliertem Einwandern spielt. Menschen haben aber ein Recht auf Auswanderung! Nicht nur weil es in der Menschenrechtscharta steht, sondern gerade Christ*innen haben den Auftrag, Fremde aufzunehmen und Asyl zu gewähren. „Judentum und Christentum haben ihre Ursprünge in Erfahrungen mit Fremdheit (…)“. In gewisser Hinsicht lasse sich die gesamte Geschichte des Volkes Israel als eine Geschichte von Heimatverlust, Exil, Flucht, Vertreibung, Leben in der Fremde und beständiger Migration lesen. Es gebe gar Tendenzen, die Barmherzigkeit derart abartig auszulegen, dass der Samariter im Gleichnis den Fremden ja auch nicht aufgenommen, sondern mit Almosen abgespeist habe. So eine Verzerrung der Wahrheit! Ähnlich, aber anders wird der Umgang mit dem Islam in Deutschland hernach dargestellt. Hier fordern die Autor*innen einen guten Diskurs sowie eine Auseinandersetzung, um einander im Zusammenleben besser zu verstehen. Der Frieden sei dann bedroht, wo einseitige negative Bewertungen und Verallgemeinerungen Muslim*innen herabwürdigten. Historisch gesehen (7. Jhd.) wurde der Islam als ‚Störfaktor‘ bei der Verbreitung des Christentums gesehen – heute schüren rechtspopulistische Akteur*innen Ängste mit Vokabular wie ‚feindliche Übernahme‘ mit einer Unterwanderung der eigenen Kultur. In Wirklichkeit ist die andere Religion womöglich zu einer Projektionsfläche geworden, wo die eigene aus dem christlichen Glauben brüchig geworden ist. Islamistisch motivierter Terrorismus tue sein Übriges. Deshalb sei es wichtiger denn je, für einen Dialog und Verständigung einzutreten.

Familie und Heimat
Die letzten beiden Kapitel sind den Inhalten Familie und Heimat gewidmet. Familie wird in rechtspopulistischen Positionen als sehr traditionell dargestellt und entspricht damit keineswegs den heutigen Gegebenheiten – weder bevölkerungspolitisch noch organisatorisch. Seit dem Zweiten Vatikanum wird das Zusammenleben von Eheleuten auf Augenhöhe betont. So wird die gestiegene väterliche Beteiligung an Erziehung oder die Erwerbstätigkeit der Frau nicht länger hinterfragt, heterogene Familienkonstellationen sind mittlerweile akzeptiert. Auch die Genderdebatte und die Einordung von Genderfragen spielen in rechtspopulistischem Gedankengut eine Rolle, indem sie überzeichnet werden und an Rollenklischees festhalten oder Verhaltensmuster ausschließen, die vermeintlich nicht der Norm entsprechen. Hier gilt es im Gespräch zu bleiben, empfehlen die Autor*innen: „Fragen der Geschlechtergerechtigkeit können nicht allein in wissenschaftlichen Analysen bearbeitet werden. Sie müssen auch politisch angegangen werden, um geschlechtergerechte Beteiligungsmöglichkeiten und Verteilung von Ressourcen und Positionen (…) zu verwirklichen.“ Hier wird das Beispiel einer Broschüre des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) als Positivbeispiel für sachlichen Dialog beworben. Als Gesamtherausforderung werden die so genannten Gender Studies genannt, die im kirchlichen Kontext „vielfach Sorge“ ausgelöst hätten, bishin zu vollständiger Ablehnung. Eine richtige Auflösung wird es hier vermutlich nicht geben, vielmehr fordern die Verfasser*innen, weiter den Dialog zu suchen, um Missverständnisse zu klären und Blockaden zu lösen.

Der Heimatbegriff ist das letzte große Thema, das in der Broschüre Beachtung findet: Von Identität und Zugehörigkeit, sowie von Vertrautheit ist hier die Rede. Neben dem räumlichen Bezug gehörten aber auch Sprache und Kultur sowie geistige Haltung zum Heimatbegriff. Hinzu komme die Abgrenzung – die es ohne Identität nicht geben könne. „Aber diese Abgrenzung bedeutet nicht, dass man anderes ablehnen und andere abwerten muss.“ Die Caritas-Kampagne „Zusammen sind wir Heimat“ fußte genau auf diesem Denken: dass Heimat mehr wird, wenn man sie teilt und Begegnung ein Heimatgefühl schaffen kann (www.zusammen-heimat.de). Dass die Sorge um die (heimatliche) Identität als Bedrohung wahrgenommen wird, basiere womöglich auf dem Vergessen, dass Vertriebene oder Zuwanderer ja auch ihre Heimat zurückgelassen hätten. Integration darf daran aber nicht scheitern! Papst Franziskus ruft im Apostolischen Schreiben ‚Evangelii gaudium‘, zu einer großherzigen Öffnung auf, „die anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neuekulturelle Synthesen zu schaffen“.

Die abschließenden ‚Pastoralen Anregungen‘ und inkludierten Arbeitsaufträge für kirchliche Gruppierungen lauten demnach: Die Engagierten stärken, Dialog ermöglichen, die Geister unterscheiden und mit negativen Emotionen umgehen lernen. Im Klartext: Nicht aufgeben, nach der Wahrheit zu streben, den Kern hinter der Geschichte zu suchen, sich nicht beirren lassen, und Niederlagen oder Rückschritte annehmen und aus ihnen lernen.

Alexandra Helmich

­