headeroberzell

Antonia Werr ließ sich in ihrem Tun von der Wahrheit selbst, von Gott, leiten. Sie gründete die Gemeinschaft der Oberzeller Franziskanerinnen 1855 nach dem Leitspruch: Gott ist Wahrheit.

Diese Worte waren ihr so wichtig, dass sie das Siegel der Kongregation zieren und alles, was sie tat, auf diesen einen, wesentlichen Wert ausgerichtet war. Ihr Leben spiegelte den Gott der Wahrheit wider und hinterließ ein Zeugnis, das von den Evangelien durchdrungen ist. In Antonia Werrs Spiritualität geht es um Menschwerdung. Dieses Mysterium fand nicht nur bei der Geburt Jesu vor 2000 Jahren statt, sondern es findet auch weiterhin täglich in jeder menschlichen Begegnung statt. Antonia Werrs Spiritualität weist Parallelen zu der des heiligen Franz von Assisi auf.

Im Wissen um die Wahrheit, dass Gott in jedem Menschen wohnt, sah sie ihr Lebenswerk in der Hingabe an diese Präsenz in Mädchen und Frauen in Not. Sie ehrte und respektierte jedes Leben, indem sie den schwierigen Prozess des Wachsens und des Übergangs zum je eigenen vollen Potenzial mit Wahrheit und Würde begleitete. Der Prozess, ganz Mensch zu werden, ist einer, der sich in jedem Menschen vollzieht, dem es mit seinem persönlichen Wachstum ernst ist. Wie schon Irenäus von Lyon (ca. 130 - 200 n.Chr.) zum Ausdruck brachte: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“

In ihren Schriften verwendet Antonia Werr das Beispiel Jesu vor Pilatus, der fragt: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38). Es ist derselbe Pilatus, der die Person der ‚Wahrheit‘ der Menge vorstellte, indem er sagte: „Ecce Homo – Seht, der Mensch!“ (Joh 19,5)

Schwester Mary Jo Burghduff teilt ihre Gedanken zum Geist des Gründungscharismas:

Impulse:
~ Was könnte unschuldiger sein als ein Neugeborenes? Es weiß nichts von Falschheit. Solch ein Menschenkind schaut in die Gesichter seiner Eltern und kennt nur Güte, nur Liebe. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ (Joh3,16)

~ Jesus kam in Wahrheit, in Einfachheit, in Demut und Armut. In Wahrheit, nicht nur dem Anschein nach, sondern in Wahrheit nahm Jesus unsere menschliche Natur an. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14). Er, das ewige Wort, kam als Säugling. Das lateinische Wort für Säugling (infans) bedeutet: ohne Sprache.

~ Die Wahrheit offenbart sich in der Bibel in der Person und im Charakter Jesu Christi, in seinen Lehren und in der Wirklichkeit von Gottes Verheißungen. Jesus Christus ist die Wahrheit. Er ist der absolute Maßstab und die Verkörperung der Wahrheit. In Johannes 17,1 betet Jesus: „Vater, die Stunde ist gekommen.“ Später fügt er hinzu: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.“ (Joh 17,17)

~ Geschaffen nach Gottes Bild, Ihm ähnlich – jede*r von uns ging aus dem Munde Gottes hervor. Gott spricht nur Wahrheit und Schönheit.

~ Seit dem Generalkapitel 2013 lautet unser Sendungsauftrag: „Weil Gott sich verwundbar und ohnmächtig zeigt, lassen wir uns von der Lebenswirklichkeit der Menschen berühren.“

Wir als Gemeinschaft der Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu leben nach wie vor das Charisma von Antonia Werr, ebenso wie unsere Mitarbeiter*innen, die gemeinsam mit uns daran wirken, dieses Vermächtnis weiterzuführen. Im Zentrum dieses Dienstes steht die leidenschaftliche Antwort auf die Bedürfnisse unserer Zeit, so wie Antonia Werr auf die Bedürfnisse ihrer Zeit geantwortet hat. Das bedeutet, dass wir für die Wahrheit kämpfen, für das Wachstum und das Wohlergehen der Mädchen und Frauen, wo immer wir ihnen begegnen, ganz gleich, wo sie gerade stehen. Das bedeutet auch, dass wir überall dort, wo wir dienen, immer bestrebt sind, diese besonderen Eigenschaften von Antonia Werr zu vermitteln.

Wahrheit hier und jetzt
Über die „Wahrheit hier und jetzt“ könnte viel geschrieben werden, da wir uns in den USA auf die Präsidentschaftswahlen konzentrieren. Wenn diese Gedanken im Dezember gelesen werden, werden alle das Ergebnis kennen. Die Menschen in Deutschland, in der Europäischen Union und in der ganzen Welt haben unsere Politik in den letzten vier Jahren aufmerksam verfolgt. Jede*r Einzelne kann die eigenen Schlüsse daraus ziehen, wo Wahrheit präsent war und wo nicht. Doch: welche Möglichkeiten haben wir als Einzelne, in unserem Leben nach Wahrheit zu suchen, sowohl persönlich als auch geistig? Zu seiner Zeit kämpfte Franz von Assisi darum, die Wahrheit darüber zuerfahren, ‘was er zu tun habe‘. Eines Tages erhielt er in der Kirche San Damiano Richtung und Kraft, als er vor dem byzantinischen Kreuz kniete und sich öffnete, um zu hören, ob sein inniges Gebet erhört werden würde: „Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das [rechte] Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.“ Für Franziskus war das Leben ein ständiger Aufruf zur Bekehrung. Dieser Aufruf findet sich in jeder religiösen Tradition. Mahatma Gandhi sagte etwas Ähnliches über die Bekehrung: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Da wir uns nach Wahrheit und nicht nach Lüge sehnen und Licht der Dunkelheit vorziehen, ist es von entscheidender Bedeutung, eine feste Grundlage für innere Aufrichtigkeit zu schaffen. Wir beginnen mit einem klaren Bewusstsein, indem wir über unsere Haltung in den Tiefen unseres Inneren nachdenken und darüber, wie diese unsere Verbindungen und Entscheidungen im Laufe des Tages widerspiegeln. Wahrheit ist ein Wert des Evangeliums, der sich auf unserem Weg nach innen und nach außen immer weiter vertieft und erweitert. „Die Wahrheit wird euch befreien“, schreibt der Evangelist Johannes (Joh 8,32) – von Ego-Reaktionen und Negativität. Die Wahrheit wird auch eine Einladung zu tieferer Bekehrung sein, wo nötig. Es ist so leicht, „den Splitter im Auge deines Bruders [zu sehen], aber den Balken in deinem Auge … nicht [zu bemerken]“ (Mt 7,3).

Einige Kennzeichen dieser inneren Reise zur Vertiefung des Bewusstseins der Wahrheit sind: Transparenz, innere Aufrichtigkeit, Demut, Liebe und Besinnung. Wachstum auf der spirituellen Reise ist eine Entfaltung und Vertiefung in Selbsterkenntnis, Mitgefühl und Anerkennung der von Gott gegebenen Würde aller Menschen als Kinder Gottes. Ein authentisches Leben ist ein echtes Streben danach, all das zuüberwinden, was uns daran hindert, auf die Gnade zu antworten. Hier ist die prächtige Wendeltreppe der Benediktinerabtei Stift Melk abgebildet, die die spirituelle Reise in die Wahrheit darstellt. Es ist eine aussagekräftige Metapher, die zeigt, wie die Seele hinabsteigt, aufsteigt und in Gott transzendiert wird. Das üppige Gold ist ein wunderschönes Symbol Gottes, das in den Ikonen der Ostkirchen zum Ausdruck kommt.

Indem wir zu unserer politischen Haltung, unserer Situation am Arbeitsplatz oder zu den Einschränkungen und Begrenzungen zurückkehren, die notwendig sind, um die Ausbreitungvon COVID-19 zu verhindern, halten wir an der Stärke unserer inneren Reise fest. Manchmal haben wir keine andere Wahl, als loszulassen; die Wahl, tiefer in innerer Freiheit und Ausgeglichenheit zu wachsen in einer Welt, die uns die Verbindungen, nach denen wir uns sehnen, zu rauben scheint.

Lassen Sie uns also gemeinsam als Schwestern, Mitarbeiter*innen und alle, die sich unserem Sendungsauftrag und unserem Charisma verbunden fühlen, auf unserem Weg voran schreiten, die Wahrheit suchen, die in ein erfüllteres Leben führt. Möge die Weihnachtsbotschaft, in deren Mittelpunkt die Inkarnation, das Fleischwerden des Wortes steht, uns daran erinnern, dass dieses „Werden“ zuerst in unseren Herzen, in unserem Verstand, in unserem Geist und in unseren Seelen erfolgt.

Sr. Mary Jo Burgdhuff, Sr. Antonia Cooper

­