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Sr. Ingrid wurde als sechstes von acht Kindern am 3. März 1931 in Schönau an der Brend geboren und auf den Namen Berta getauft. In ihrer Familie muss es ein besonderes religiöses Gen gegeben haben, sonst hätte sich nicht die Hälfte der Kinder später für das Ordensleben entschieden. Gerne erzählte Schwester Ingrid später, dass sie in den bitterkalten Morgenstunden im Advent zu Fuß zu den Roratemessen gegangen sind.

Von 1937 bis 1945 besuchte Berta die Volksschule in Schönau und von 1945 bis 1948 die Landwirtschaftliche Berufsschule in Wegfurt.

Bereits im Kindergarten lernte Berta Oberzeller Schwestern kennen, denn wir hatten in Schönau eine Filiale. Im Februar 1949 trat sie zusammen mit ihrer Schwester Elfriede (Schwester Nicetas) in unsere Gemeinschaft ein. Ihnen folgte 1952 ihre ältere Schwester Waltraud (Schwester Elkana). Ein Bruder trat bei den Missionaren von der Hl. Familie in Lebenhan ein.

Als Kandidatin besuchte Bertha im Kloster Oberzell den Sonderlehrgang für Handarbeitslehrerinnen, den sie 1950 mit der staatlichen Prüfung abschloss. Nach der Ausbildung wurde sie im Mai 1951 ins Noviziat aufgenommen und erhielt den Namen Schwester Ingrid. Im Mai 1952 legte die zeitliche Profess und im Mai 1955 die Profess auf Lebenszeit ab.

Als Handarbeitsschwester wurde Sr. Ingrid im Fürsorgeheim Oberzell von Mai 1952 bis September 1958 eingesetzt. Von 1956 bis 1957 besuchte sie das Aufbauseminar für Heimerzieherinnen in München.

Im September 1958 wurde Sr. Ingrid nach München-Thalkirchen versetzt. Die Einrichtung wurde vom Sozialdienst katholischer Frauen getragen und bestand aus einem heilpädagogischen Mädchenheim, einer heilpädagogischen Tagesstätte, einer Kinderkrippe und einer Ausbildungsstätte für Hauswirtschaft. Hier war Schwester Ingrid bis 1996 als Gruppenleiterin tätig. Im Januar 1978 wurde sie auf Grund der Ausbildung des Heimpädagogischen Aufbauseminars für Bayern als „Fachkraft in der Heimerziehung“ qualifiziert. 

Für ihr Engagement und ihren persönlichen Einsatz wurde Schwester Ingrid am 24. Februar 1995 von Staatssekretär Dr. Gerhard Merkl mit dem Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Merkl sagte über Schwester Ingrid, sie habe es jederzeit verstanden, sich immer wieder auf schwierige junge Menschen einzustellen und sprach ihr die Fähigkeit zu, Vertrauen gewinnen und Lebenswege positiv beeinflussen zu können.

Nach der Auflösung des Heimes in München-Thalkirchen wurde Schwester Ingrid im September 1996 ins Haus Antonia Werr versetzt. Zwar war sie schon im Rentenalter, doch sie war immer für Frauen in schwierigen Lebenslagen da und ging mit den Problemen der Frauen im Haus ohne Berührungsängste um.

Für die wohnungslosen Frauen hatte sie immer ein großes Herz und offenes Ohr. Schwester Ingrid führte Gespräche zwischen Tür und Angel, gab Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen gute Wünsche mit auf den Weg und schickte Gebete gen Himmel. In besonderen Anliegen zündete sie Kerzen in der Kapelle und am Bild von Mutter Antonia an. Für einige Frauen, die länger im Haus waren, war sie eine wichtige Ansprechpartnerin; sie begleiteten sie manchmal zum Gottesdienst oder zu Vorträgen in die Kirchengemeinde, an Namenstage erinnerte Schwester Ingrid und ließ die dazugehörige Heilige lebendig werden.

Sie war sensibel und aufmerksam für die Belange der Bewohnerinnen und hatte einen geschulten Blick und siebten Sinn, wenn im Haus etwas nicht in Ordnung war. Unzählige Vorhänge hat sie gesäumt, aus Bettwäsche Tischdecken genäht und eingefärbt und für viele Anlässe leckere Kuchen gebacken.

Nach dem Urlaub wurden die Mitarbeiterinnen immer mit Kärtchen oder einem Blümchen auf dem Schreibtisch empfangen; auch die gute Pflege zur Nachbarschaft waren ihr ein Herzensanliegen. Bei Erkältungen, Kopfschmerzen oder Übelkeit half Schwester Ingrid mit Hausmitteln und Hildegard-Medizin aus. 

Schwester Ingrid war von der Gründerin Antonia Werr fasziniert, von ihrer ganzen Person und ihrem Eifer für Frauen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden waren. Aus ganzem Herzen und mit all ihren Fähigkeiten und Kräften hat sie sich in den Sendungsauftrag der Kongregation an der Seite von Mädchen und Frauen gestellt. Der Ausspruch der Gründerin galt auch für sie: „Mit ganzer Seele kann ich freudig bekennen, dass ich meinen Beruf liebe – liebe mit aller Kraft meiner Seele.“ Vom Wesen her war Schwester Ingrid ähnlich wie Mutter Antonia: gütig und streng, barmherzig und bisweilen unnachgiebig, sowohl großmütig als auch richtend.

Zeitlebens liebte Schwester Ingrid ihre Heimat Schönau in der Brend. Sie hielt einen engen Kontakt mit ihren Geschwistern, Nichten und Neffen, Großnichten und Großneffen. Neue Kuchenrezepte wurden auch mit den Mitarbeiterinnen im Haus Antonia Werr ausgetauscht und bei Geburtstagsfeiern für wohnungslose Frauen ausprobiert. Gefeiert wurde dann im Wohnzimmer. In aller Frühe hat sie den Tisch gedeckt, Liedblätter ausgeteilt und ein Ständchen gesungen. Regelmäßig schickte sie Pakete zu Schwester Elkana nach Südafrika und hielt auch intensiven Kontakt zu Ehemaligen aus der Münchner Zeit, die sie mit Rundbriefen auf dem Laufenden hielt.

Schwester Ingrid lebte Gastfreundschaft. Wann immer jemand im Schwesternkonvent an die Türe klopfte, wurde eingeladen. Auch Schwestern aus Oberzell verbrachten gerne ihren Urlaub in der Huttenstraße.

Jeden Freitag ging sie bei Wind und Wetter mit ihren Mitschwestern morgens in aller Frühe aufs Käppele zum Gottesdienst.

Nach 16 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit im Haus Antonie Werr zog Schwester Ingrid im August 2012 im Alter von 81 Jahren ins Franziskushaus nach Oberzell. Der Abschied aus der Huttenstraße fiel ihr sehr schwer. Aufgrund ihres Gesundheitszustands wurde sie dann im Dezember 2013 in das Antoniushaus versetzt. In den letzten Jahren musste sie auch durch zunehmende Pflegebedürftigkeit durch eine Leidensschule gehen.

Eine Ehemalige, die sie bis zum Schluss noch im Antoniushaus besucht hat, schreibt:
„Die meisten Menschen denken nur an sich und kümmern sich nicht um die Sorgen und Probleme der anderen. Du bist völlig anders. Denn Du strahlst Liebe und Hoffnung aus und machst Deine Mitmenschen glücklich und zeigst ihnen, was sie Dir bedeuten. So einen Menschen wie Dich gibt es nur einmal.“

Sr. M. Katharina Ganz
Generaloberin

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