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Am Ende des Kirchenjahres starb am Abend – für uns unerwartet – unsere Mitschwester M. Lanthilde Weiß. Bis zum Schluss war sie interessiert am Gemeinschaftsleben und was in der Gemeinschaft vor sich geht. So könnte man meinen, dass sie gehen konnte: Weil das Areal unserer Kongregation in Kirchschönbach, dem unterfränkischen Ort, aus dem sie stammte, am 2. November an eine gebürtige Kirchschönbacherin verkauft worden ist, die sie schon als Mädchen kannte, und weil unsere Schwesternstation in Niedernberg, wo sie fünf Jahre in der ambulanten Krankenpflege gewirkt hatte, am Christkönigssonntag ebenfalls aufgelöst worden ist.

Geboren wurde Schwester Lanthilde am 16. April 1930 in Kirchschönbach im Landkreis Kitzingen und auf den Namen Lydia Margarete getauft. Sie war die älteste von sieben Geschwistern. Ihre Mutter starb bereits, als sie acht Jahre alt war. Später heiratete der Vater erneut. Für ihre zwei kleinen Brüder war Schwester Lanthilde später Mutterersatz, da auch die Stiefmutter viel auf dem Feld war.

Nach acht Jahren Volksschule konnte Lydia nur noch ein Jahr lang die Berufsschule besuchen. Es war ja Krieg. So war sie zunächst im großen elterlichen Haushalt tätig. Als Schülerin und später nach der Schulentlassung pflegte sie ihre Tante. Nach ihrem Tode übernahm sie 1947 für ein Jahr eine Dienststelle in Kammerforst an, wo sie in die Landwirtschaft eingeführt wurde. 1948 war sie nochmals in einem Haushalt tätig.

Durch ihre Kindheitserlebnisse hatte Lydia den Wunsch Krankenschwester zu werden, durch den Kontakt mit unseren Schwestern vom Marienheim in Kirchschönbach reifte der Wunsch, ins Kloster zu gehen. So trat sie im September 1949 im Kloster Oberzell ein.

Als Kandidatin besuchte sie ab 1950 die Krankenpflegeschule im Juliusspital. Nach der erfolgreichen Prüfung wurde sie im Oktober 1952 ins Noviziat aufgenommen und erhielt den Namen Schwester M. Lanthilde. Nach dem einjährigen Noviziat legte sie 1953 ihre Erstprofess und 1956 die Profess auf Lebenszeit ab. Ihr erster beruflicher Einsatz als ambulante Krankenschwester war von 1853 bis 1958 in Niedernberg. Sie war in der ambulanten Krankenpflege sehr beliebt.

Von 1958 an lebte und arbeitete sie im Bezirksklinikum Kutzenberg, das zuerst noch eine Heilstätte war für Patienten, die an einer offenen Lungentuberkulose litten. Aus dieser Zeit hatte sie viele Erinnerungen, vor allem an Menschen, die in ihren Armen an Tuberkulose gestorben sind. Nach dem Umzug in den Neubau Haus 6 war Schwester Lanthilde v. a. für Patienten zuständig, die unter Asthma, Bronchitis oder Lungenkrebs litten. Sie war gern Krankenschwester und liebte ihren Beruf. Viele Jahre leitete sie die Station für Erkrankungen der Atmungsorgane in der Lungenklinik.

Über vier Jahrzehnte widmete sich Schwester Lanthilde mit großer Hingabe, Fürsorge und mit unermüdlichem Einsatz der Pflege und Betreuung kranker und hilfsbedürftiger Menschen. Dafür wurde sie mit der „Ehrenurkunde von Oberfranken“ in Silber, mit einer „Dankurkunde“ des Präsidenten des Bezirkstags von Oberfranken und mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Aus gesundheitlichen Gründen musste Schwester Lanthilde 1990 ihren Dienst als Krankenschwester aufgeben. Sie schrieb selbst darüber: „So kam ich von meiner liebgewonnenen Arbeit bei den Patienten weg, es war sehr schwer für mich!“

Ab 1991 arbeitete sie halbtags im Archiv der Orthopädischen Klinik. Zwischendurch besuchte sie immer wieder die Kranken. Sie hatte Freude an der Musik und spielte auch die Orgel. Nach der Auflösung des Konventes in Kutzenberg kam Schwester Lanthilde 2015 in den Konvent Antonius im Kloster Oberzell.

Im April musste sie ihren 90. Geburtstag im Krankenhaus feiern, mitten im Ersten Lockdown der Coronakrise. Sie hatte schon eingeladen zu ihrem Geburtstag und wollte, dass ihre Familie noch einmal zusammen kommt. Diese Feier zu erleben, war ihr leider nicht vergönnt.

Am Gemeinschaftsleben hat Schwester Lanthilde aktiv teilgenommen. Zu jedem Anlass hat sie sich eingebracht mit einem Gedicht, in dem sie in Reimform aktuelle Begebenheiten oder Eigenschaften aufführte. Auch bei der abendlichen Rekreation war sie gern dabei. Sie hatte ein frohes Wesen und war freundlich zu allen. Auch mit der Natur war sie verbunden, sammelte Kräuter und Blumen. Sie liebte die Berge. Ihren Urlaub verbrachte sie oft in den Dolomiten, wo sie von Bekannten eingeladen wurde.

Als Bewohnerin spielte sie eine wichtige Vermittlungsrolle im Zweiten Stock des Antoniushauses. Sie sorgte für das Gemeinschaftsleben, und litt darunter, dass die wöchentlichen Konventstreffen während der Coronakrise ausgesetzt werden mussten. Zum Personal pflegte sie einen herzlichen Kontakt sowie zu ihrer Familie, die sie öfter besuchte.

Eine Woche vor ihrem Tod hat Schwester Lanthilde ihre Patientenverfügung neu ausgefüllt und mit den beiden Schwestern ihres Vertrauens über ihre letzten Wünsche gesprochen. Auf keinen Fall wollte sie mehr ins Krankenhaus. Sie wolle im Antoniushaus sterben, sagte sie und sei auch bereit dafür, wenn es an der Zeit ist. Vielleicht hat ihr geholfen, dass sie oft um eine gute Sterbestunde betete. In ihrem Nachlass fand sich in ihrer Handschrift folgendes Abendgebet, das sie selbst gedichtet hat:

Meine liebste Mutter mein
ich lad zu meinem Tod dich ein:
Kommt einstens meine letzte Stund
so wünsche ich Dich in der Rund.
O, laß mich nicht vergebens sehn,
wollst helfend mir zur Seite stehn.
Drück dann im letzten Todeschmerz
dein müdes Kind ans Mutterherz
an dem ich ja so manche Stund
an allem Weh und Leid geruht.
Maria liebste Mutter mein
wollst bitte bei mir sein
und führe mich zum Himmel ein!

Am 27. November ging Schwester Lanthilde dem wiederkommenden Menschensohn entgegen. Gott rief sie am Ende des Kirchenjahres in das neue ewige Leben. Sie darf nun den schauen, an den sie ein Leben lang geglaubt und dem sie in den Kranken, Notleidenden und Sterbenden gedient hat.

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