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„Wo eine Tür sich schließt geht eine neue auf“ – Mädchen und junge Frauen, die Aufnahme in der Inobhutnahmegruppe finden, lassen ihr altes Leben hinter sich – um bereit zu werden für Neues.

Sankt Ludwig. Zunächst fühlt sich das Ankommen in der Inobhutnahmegruppe vermutlich an wie ein Ende. Eine Tür, die zugeht und ein Leben, das die Mädchen und jungen Frauen für Tage, Wochen oder Monate hinter sich lassen. Die Gründe sind vielfältig, wie beispielsweise Schwierigkeiten im elterlichen Haushalt, Entlassung aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Abbrüche in anderen Jugendhilfeeinrichtungen. In manchen Situationen bitten die Mädchen selbst darum, nicht mehr in ihre Familie oder Wohngruppe zurückkehren zu müssen. In anderen sind es die Sorgeberechtigten oder auch die Mitarbeiter*innen vom Jugendamt, die entscheiden, dass ein Mädchen aus seinem aktuellen Lebensumfeld genommen und geschützt werden muss. Eines haben alle gemeinsam: Es gibt momentan keinen anderen Platz, an dem sie bleiben können oder sicher sind. Deswegen nimmt das Jugendamt die Mädchen in Obhut und bringt sie in die Jugendschutzstelle des Antonia- Werr-Zentrums (AWZ). Sie wurde genau für solche Situationen geschaffen.

Erste Hilfe-Maßnahmen
In der Gruppe werden die Mädchen zunächst mit allen wichtigen Dingen versorgt, die sie brauchen. Sie bekommen Kleidung, Essen und ein eigenes Zimmer. Sie haben einen geregelten Tagesablauf, können Beschäftigungsangebote in den Betrieben wahrnehmen und die Freizeitangebote der Einrichtung nutzen. Viel wichtiger ist jedoch, dass sich hier pädagogische Fachkräfte kümmern, die den jungen Frauen zuhören und in dieser schwierigen Situation für sie da sind. Die Gruppe soll ein soweit als möglich sicherer Ort sein, an dem die jungen Frauen Zeit und Raum haben, sich mit ihrer momentanen Situation auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, wie die Zukunft für sie aussehen soll.

Neuanfang mehrdimensional
Bei allen Aufnahmen in der Inobhutnahmegruppe ist klar, dass die Mädchen nur für eine begrenzte Zeit hier sein können und dass etwas im Leben „neu“ werden muss. „Neu“ heißt nicht, dass das ganze Leben der Mädchen umgekrempelt wird, zwingend ein Wohnortswechsel ansteht oder die Mädchen alle alten Beziehungen hinter sich lassen müssen. „Neuanfang“ hat in der Inobhutnahmegruppe viele Gesichter: Neuanfang kann bedeuten, dass eine Jugendliche beginnt, sich selbst besser zu verstehen und die guten Gründe für ihr eigenes Verhalten zu entdecken. Neuanfang kann der eigene Wunsch nach Veränderung sein. Neuanfang kann bedeuten, dass ein Mädchen seinen Wohnort wechselt und in eine Wohngruppe, zum anderen Elternteil oder zu anderen Angehörigen zieht. Neuanfang kann eine neue Form der Unterstützung am alten Wohnort sein. Neuanfang kann bedeuten, dass Personen im Umfeld der jungen Frauen Fehler zugeben, Hilfe annehmen und sich verändern wollen. So viele Formen von Neuanfang es gibt, so viele Gefühle sind damit für die Mädchen verbunden. Es entsteht beispielsweise Vorfreude auf das, was kommt und Erleichterung darüber, dass sich etwas ändert. Die Mädchen sind aufgeregt, gespannt und manchmal auch überrascht. Im selben Augenblick erleben sie jedoch auch Enttäuschung und Trauer über die Dinge in ihrem Leben, die enden. Die Herausforderung und gleichzeitig auch das Schöne am Neuanfang ist jedoch, dass alle diese Gefühle einen Platz darin finden, nebeneinander stehen und gewürdigt werden dürfen. Und sicher ist: Zu Neuanfang gehört für unsere Mädchen ganz viel Mut!

Anna Mergenthal
Gruppenleitung Inobhutnahme, Antonia-Werr-Zentrum

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