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Es ist ein viel diskutiertes Thema in der katholischen Kirche. Binnen zweier Jahre wollen Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und Zentralkomitee der Katholiken (ZDK) einen Weg der Erneuerung beschreiten.

Gemeinsam sollen Positionen vorangebracht werden, die wesentliche Grundfragen zu Sexualmoral, priesterlicher Lebensform, dem Umgang mit Macht sowie Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche beleuchten und aufarbeiten. Auslöser war die im Herbst 2018 vorgestellte so genannte MHGStudie, die die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche thematisiert hatte. Deren Ergebnisse brachtedie DBK zu der Entscheidung, dass Handlungsbedarf besteht. Gemeinsam mit dem ZDK einigte man sich auf die vier wesentlichen Themen. Zwei Jahre lang soll der Gesprächsprozess dauern – Generaloberin Schwester Katharina Ganz hat in der Vorbereitung der ersten Vollversammlung bereits mitgearbeitet und wird im Falle ihrer Wahl in das sogenannte Frauenforum direkt beteiligt sein. Die LUPE-Redaktion hat sie deshalb zu ihrer Haltung befragt:

Wie werden Ablauf und Themendes Synodalen Wegs sein?
Sr. Katharina: Nachdem im Herbst 2018 die Studie den massenhaften Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Priester und Ordensleute aufgedeckt und mit Zahlen belegt hatte, stand für die deutschen Bischöfe fest: wir brauchen einen Neuanfang. Dieser Weg kirchlicher Erneuerung soll nun gemeinsam mit den Laien beschritten werden – deshalb werden in den Foren und Gremien auch möglichst gleichberechtigt Geweihte und Nicht-Geweihte, Frauen und Männer, Junge und Alte, sprich ein Querschnitt des Volkes Gottes vertreten sein.

Wann beginnt der Prozess?
Sr. Katharina: Offizieller Start ist am1. Advent, jedoch findet Ende Januar 2020 die erste Vollversammlung statt. Sie wird in Frankfurt abgehalten. Dort werden jene gewählt, die danach in den vier Themenforen beteiligt und gehört werden sollen. Die Auswahl erfolgt in einem durchdachten Verfahren und ist zunächst offen, lediglich die Bischöfe sind als Mitglieder gesetzt.

Was ist Ihre Rolle?
Sr. Katharina: Ich wurde von der DBK angefragt, beim vierten Themenforum mitzuarbeiten, in dem es um die Rolle der Frauen in Diensten und Ämtern gehen wird. Dazu war ich sofort bereit! Aus der Sorge heraus, dass die Frauenfrage wieder unter den Teppich gekehrt würde, hatte das ZDK darauf gedrängt, diese Fragen eigens zu beleuchten, wenngleich sie auch in den anderen Foren mit eine Rolle spielen müssen.

Was erhoffen Sie sich?
Sr. Katharina: Generell erhoffe ich mir, dass wir in den Debatten den Mut haben, wirklich neue Wege zu gehen. Erfreulich ist, dass endlich ein Weg begonnen wird, der nicht schon von vorneherein tabubeladen ist – es darf und wird auch über die Frauenweihe und den Zölibat geredet werden. Ich wünsche mir, dass am Ende völlig neue Formen der Mitbestimmung von Frauen stehen. Ich möchte endlich erleben, dass Leitungsaufgaben in Diensten und Gemeinden auch von Laien wahrgenommen werden, dass sakramentale Ämter nicht automatisch mit Macht und Entscheidungsbefugnis verbunden sind, dass Macht in der Kirche nicht dem Klerus vorbehalten ist. Und ich erhoffe mir neue Formen der Beteiligung bei der Bestellung von Priestern für Pfarreien oder Bischöfen für Diözesen. Im Praktischen könnte das Schweizer Modell Vorbild sein, wo auch Laien mit bischöflicher Beauftragung die Taufe spenden oder bei Hochzeiten assistieren dürfen. Auch für den Beerdigungsdienst werden Haupt- und Ehrenamtliche qualifiziert. Als Botschafterin für Frauen wünsche ich mir natürlich viel mehr Frauen auf allen Ebenen der Leitung. Generell sollte die Führungskultur unserer Kirche vielfältiger werden, dann fielen manche Gründe für Macht- und sexuellen Missbrauch von selbst weg.

Wird es am Ende des Prozesses eine neue Kirche geben?
Sr. Katharina: Es sollen ja nicht in erster Linie die Kirchen gerettet werden, sondern es muss darum gehen, neue Wege der Verkündigung zu finden und Jesu Botschaft glaubwürdig erfahrbar zu machen – durch den Missbrauch hat sie viel davon verloren. Was das Frauenthema angeht so meine ich nicht, dass Frauen per se alles bessermachen, aber wenn die Hierarchien flacher werden und alle mitdenken gibt es doch viel mehr Perspektiven!

Wie bereiten Sie sich vor?
Sr. Katharina: Ich habe von einem Mitglied der Würzburger Synode alle Unterlagen aus dem Prozess der 1970er Jahre bekommen. Es ist interessant zu lesen, welche Positionen und Argumente damals in den Themenforen vorgebracht wurden. Zudem war mir wichtig, dass unsere Gemeinschaft hinter mir steht und sich ebenfalls positioniert. Das ist beim Generalkapitel geschehen. Ich war sehr überrascht, WIE deutlich sich meine Mitschwestern da geäußert haben. Jetzt aber heißt es: Sich auf den Weg machen, abwarten, was kommt. Es wird in jedem Fall spannend, was im Januar in Frankfurt passiert. Nachfolgend finden Sie einen Auszug aus dem Schlussdokument des 28. Generalkapitels der Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu OSF, welches sich im Juni 2019 ebenfalls mit der Frauenfrage beschäftigt hat.


Kompetenzen von Frauen achten und geschlechtergerecht Kirche sein

„Als Oberzeller Franziskanerinnen haben wir ein ausgeprägtes Bewusstsein für den frauenspezifischen Ansatz unserer Gründerin Antonia Werr (1813-1868). (…) Dieses Apostolat fordert uns heraus, uns klar zu positionieren, wenn Würde und Rechte von Mädchen und Frauen verletzt werden. Das gilt auch für den Umgang mit Frauen innerhalb der Kirche selbst. Trotz vieler Versprechen, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen der Kirche zu erhöhen, stoßen Frauen, die in der katholischen Kirche bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch im 21. Jahrhundert an eine gläserne Decke. Zwar wollen die Deutschen Bischöfe in den nächsten fünf Jahren dafür sorgen, dass 30 Prozent der Stellen für Führungskräftein den Bistümern mit Frauen besetzt werden. Sie erwägen auch, über die Öffnung der kirchlichen Ämter für Frauen nachzudenken.

Dennoch bleibt der Eindruck: Zuviel ist schon gesagt und versprochen worden, zu schwerfällig sind die Strukturen, zu mühsam die Veränderungsprozesse, zu gespalten die Ansichten der letzten Entscheidungsträger, die nach wie vor zu 100 Prozent geweihte Männer sind. Ein Großteil der engagierten Gläubigen ist schlichtweg frustriert. Die Enttäuschung, dass sich in Sachen Geschlechtergerechtigkeit so wenig ändert, nimmt auch bei uns Oberzeller Franziskanerinnen zu. Wir wünschen uns von der kirchlichen Hierarchie, dass sie dieses Zeichen der Zeit nicht nur erkennt, sondern endlich den politischen Willen aufbringt, der Benachteiligung von Frauen in der Kirche grundsätzlich, mutig, zügig, entschieden und dauerhaft entgegen zuwirken, indem sie Frauen auf allen Entscheidungsebenen der Kirche sichtbar macht und Frauen zu allen Ämtern und Positionen zulässt.

Unsere Ordenspatronin Klara von Assisi (1193-1253) und Gründerin Antonia Werr (1813-68) haben ihre zentralen Überzeugungen und Werte gelebt. Als Frauen der Kirchengeschichte sind sie uns Vorbilder darin, mit einer gewissen Widerspenstigkeit und mit Stehvermögen für das einzutreten, was sie im Glauben gemeinsam mit anderen als wahr und richtig erkannt haben. In unserer Kongregation spielt der klare Einsatz für die Würde von Frauen sowie für gleiche Rechte und mehr Mitbestimmung von Frauen in Kirche, Gesellschaft und Politik eine besondere Rolle. Ordensfrauen haben seit der Antike in Liturgie und Diakonie, Wissenschaft und Kunst, Bildung und Kultur, Wirtschaft und Soziales Großartiges geleistet, sind neue Wege gegangen und haben sich immer wieder gegen den Mainstream oder die herrschende Kirchenpolitik gestellt. Aus Treue zum Evangelium und Liebe zur Kirche und zu ihrem Auftrag haben sie Kritik geübt, ihren Finger in manche Wunde gelegt und alternative Lebensmodelle angestrebt.

Das alles ist nicht allein historisch bedeutsam, sondern legt aktuelle kirchliche Reformen nahe: Gendergerecht Kirche zu sein und die Kompetenzen, Erfahrungen und Visionen von Frauen zu achten ist möglich und auch dringend geboten. Es geht um ein faires wie paritätisches Miteinander der Geschlechter auf allen Ebenen und in allen Vollzügen unserer Kirche – und damit um ihre menschliche wie theologische Glaubwürdigkeit. Gewiss kann es aber auch – ganz praktisch – motivieren, die diesbezüglichen Erfahrungen der Klöster und Orden wahrzunehmen und von ihnen zu lernen. Wenn Frauen maßgeblich daran beteiligt sind, gestaltet sich kirchliches Handeln, Entscheiden und Beraten vielfältiger, vollständiger und darum gerechter als es Männern allein möglich ist.“

vgl. auch: Katharina Ganz OSF: Gendergerecht Kirche sein. Kompetenzen von Frauen achten, in: Hanspeter SchmittOCarm (Hg.): Kirche reformiere dich! Anstöße aus den Orden, Freiburg i. Br.2019, 69-77. Auch beim Treffen der Interfranziskanischen Gemeinschaft, dem Zusammenschluss von franziskanischen Frauen- und Männerorden, haben sichVertreter*innen aus 58 franziskanischen Ordensgemeinschaften aus dem deutschsprachigen Raum vom 22. bis 26. September 2019 im Kloster Reute bei Bad Waldsee (Oberschwaben) getroffen zur Machtfrage und der Bereitschaft zur Mitarbeit am Synodalen Weg wie folgt geäußert:

„Überzeugt, dass alle Menschen Ebenbild Gottes sind, fordern die Franziskanerinnen und Franziskaner Ehrfurcht und Respekt gegenüber jedem Einzelnen. Sie wehren sich gegen die Diskriminierung von Menschen, die anders leben, lieben oder glauben. Dabei sind sie sich durchaus bewusst, dass sie mit dieser Haltung in Spannung stehen zur kirchlichen Morallehre. Sie erklären sich bereit, Wege zu suchen, die daraus resultierenden Widersprüche in ihren eigenen Zuständigkeitsbereichen im Sinne evangeliumsgemäßer Glaubwürdigkeit zu überwinden.“

Die Fragen stellte Alexandra Helmich

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