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„Das ist, was eine Epidemie uns zeigt: wie verwundbar wir alle sind, wie abhängig von dem rücksichtsvollen Verhalten anderer, aber damit eben auch: wie wir durch gemeinsames Handeln uns schützen und gegenseitig stärken können.“ In ihrer Fernsehansprache vom 18. März hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Punkt gebracht, was wir derzeit weltweit erleben. Die Ausbreitung des neuartigen Virus, für den es auch drei Monate nach Ausbruch in China weder Impfstoff noch Therapie gibt, führt der Menschheit rund um den Globus vor Augen, „wie verwundbar wir alle sind“.

Als Menschen sind wir verletzlich. Es gehört zu uns Menschen, dass wir anfällig, vergänglich und sterblich sind. Das macht uns kreativ und erfinderisch. Wir sichern uns ab, schützen uns, sorgen vor und tun, was wir können. Jede neue Herausforderung ist auch ein Ansporn, uns weiterzuentwickeln und uns im Zusammenleben zu stärken und zu stützen. Jede Krise kann zu einer existentiellen Bedrohung werden, sie kann aber auch Kräfte fördern, die uns widerstandsfähiger machen.

Heute, am 19. März, denkt die Kirche an den heiligen Josef. Er hat Verantwortung für seine Verlobte Maria übernommen, von der die Bibel erzählt, dass sie unehelich – nicht von ihm – schwanger war. Statt sie der Steinigung preis zu geben, hat er zu ihr gestanden. Später, als das Kind selbst in Gefahr war, ist er mit ihr ins Ausland geflohen. Er hat zutiefst menschlich und solidarisch gehandelt, obwohl er selbst Nachteile befürchten musste: Risiken für Leib und Leben, seine eigene Gesundheit und seinen Ruf. Josef könnte ein Vorbild für uns sein, mit den Herausforderungen umzugehen, denen wir uns heute stellen müssen: indem wir weiter unseren Dienst tun an der Seite von Schutzbedürftigen, Jugendlichen in prekären Lebenssituationen, kranken und alten Menschen. Indem wir rücksichtsvoll miteinander umgehen, unnötige Kontakte meiden, um niemanden gesundheitlich zu gefährden. Indem wir in dieser Zeit besonders für die beten, die sich um andere kümmern, die sich selbst einem Risiko aussetzen, um anderen beizustehen, ihnen zu helfen und nahe zu sein.

Heute am Fest des heiligen Josef veröffentliche ich diese Gedanken zur Bedeutung der Solidarität und Mitmenschlichkeit, drücke meine Verbundenheit mit vielen Menschen aus und verspreche mein Gebet besonders denen, die derzeit zuhause in Quarantäne sind, denen, die eine Infektion mit dem Coronavirus Angst macht, weil sie Vorerkrankungen haben. Als Gemeinschaft und Arbeitgeberin werden wir alles tun, um bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die wir in Kurzarbeit schicken mussten, finanzielle Notlagen zu verhindern oder zu mildern. Gleichzeitig bitten wir um Verständnis, dass diese Maßnahmen ergriffen werden mussten und wir die Einschnitte, die uns der Staat abverlangt, auch in unseren Einrichtungen und Konventen umsetzen. Es geht um unser aller Wohl und unsere Gesundheit.

Die Herausforderung kann aber auch Gutes zum Vorschein bringen, kann uns verdeutlichen, was neben Wohlstand, Sicherheit, Freizügigkeit auch im Leben zählt: Herzlichkeit, Güte, Menschlichkeit, Freundschaft, Glaube, Hoffnung und Liebe, Aufmerksamkeit, Nächstenliebe und weltweite Verbundenheit.

Mit dem angefügtem Text wünsche ich allen, die diese Zeilen lesen, HOFFNUNG, die die Angst besiegt.

Sr. Dr. Katharina Ganz, Generaloberin

 

HOFFNUNG 

Sperrung
Ja, es besteht Angst.
Ja, es herrscht Isolation.
Ja, es gibt Panikkäufe.
Ja, es gibt Krankheit.
Ja, es gibt sogar den Tod.
Ja, es gibt Krankheit,
Sie sagen, dass man in Wuhan nach so vielen Jahren des Lärms
die Vögel wieder hören kann.
Sie sagen, dass nach nur wenigen Wochen der Ruhe
der Himmel nicht mehr so dicht mit Rauch verhangen ist,
sondern blau und grau und klar.
Man sagt, dass in den Straßen von Assisi
die Menschen sich gegenseitig zusingen
über die leeren Plätze hinweg
ihre Fenster offen halten
damit diejenigen, die allein sind
die Geräusche der Familie um sie herum hören können.
Man sagt, dass ein Hotel im Westen Irlands
kostenlose Mahlzeiten und Lieferung frei Haus anbietet.
Heute verteilt eine junge Frau, die ich kenne,
Flugblätter mit ihrer Telefonnummer in der Nachbarschaft,
damit die Ältesten jemanden haben, auf den sie zurückgreifen können.
Heute bereiten Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel
sich darauf vor, den Obdachlosen, Kranken und Müden
Unterschlupf zu gewähren.
Überall auf der Welt werden die Menschen langsamer und reflektieren.
Überall auf der Welt schauen die Menschen
auf neue Art und Weise auf ihre Nachbarn
Überall auf der Welt erwachen die Menschen in einer neuen Realität:
Wie groß wir wirklich sind.
Wie wenig Kontrolle wir wirklich haben.
Was wirklich zählt.
Zu lieben.
Also beten wir und erinnern uns:
Ja, es besteht Angst.
Aber es muss nicht unbedingt Hass sein.
Ja, es gibt Isolation.
Aber es muss keine Einsamkeit herrschen.
Ja, es gibt Panikkäufe.
Aber es muss keine Gemeinheit geben.
Ja, es gibt Krankheit.
Aber es muss keine Krankheit der Seele geben.
Ja, es gibt sogar den Tod.
Aber es kann immer eine Wiedergeburt der Liebe geben.
Wachen Sie auf und entscheiden Sie, wie Sie jetzt leben wollen.
Atmen Sie heute.
Hören Sie hinter den Fabrikgeräuschen Ihrer Panik:
Die Vögel singen wieder
Der Himmel klärt sich auf,
Der Frühling steht vor der Tür,
Und wir sind immer von Liebe umgeben.
Öffnen Sie die Fenster Ihrer Seele
Und obwohl Sie vielleicht nicht in der Lage sind über den leeren Platz zu streifen,
singen Sie!

P. Richard Hendrick OFM

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