Stimme des Herzens

Schweigetage – Pierre Stutz, Theologe, spiritueller Begleiter und Autor zahlreicher Bücher schreibt zu einer engagierten Spiritualität im Alltag. Er leitet regelmäßig Schweigetage im Haus Klara.

Unsere Welt braucht beherzte Frauen und Männer, die ihrer Intuition trauen und gemeinsam aufbrechen für eine Welt, die anders sein kann, zärtlicher und gerechter. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, sinniert der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry. Das Herz ist Symbol des inneren Menschen, der die Tiefendimension in allen Lebensvollzügen erkennt. In dieser Grundhaltung einer tiefen Menschlichkeit geht es auf keinen Fall um Gefühlsduselei. Es gilt, die Intelligenz des Herzens neu zu entdecken, damit wir mit Leib-Geist-Seele Widerstand gegen eine Diktatur der Schnelligkeit und der lebensfeindlichen Gewinnoptimierung wagen. Mitten im Alltag können wir regelmäßig tief ein- und ausatmen, um uns zu erinnern, dass wir mehr sind als Erfolg und Scheitern, mehr als die Verwundungen unserer Kindheit. Der Rhythmus des Herzens bestärkt uns, uns dem Rhythmus des Lebens anzuvertrauen. Jener Rhythmus, in dem wir zupacken und geschehen lassen können, lachen und weinen, reden und schweigen, leben und sterben.

Hörendes Herz

Schon im alten Israel gilt nicht das Herz primär als der Sitz der Gefühle oder der Liebe, sondern vor allem als Sitz der Vernunft und des Verstandes. So bittet König Salomo um „ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9) und der Prophet Jeremia erinnert, dass die Worte Gottes dem Menschen ins Herz geschrieben sind (Jer 31,32), was zu einem partnerschaftlichen Unterwegssein auf Augenhöhe führt. Inmitten der verdunkelten Zeit des Zweiten Weltkrieges spricht eine junge, lebensfrohe und kämpferische jüdische Frau von ihrer Hoffnung, mit einem „denkenden Herzen“ unterwegs zu sein. Sie heißt Etty Hillesum (1914-1943), engagiert sich für die Würde aller Menschen in Amsterdam und ist in Auschwitz umgekommen. In ihrer selbstbewussten Spiritualität vertraut sie immer mehr der Weisheit des Herzens, in dem sie die Stille, das Eintauchen in ihren göttlichen Grund, als Kraftquelle erfährt. Sie weigert sich, sich in einem Sündenbock- und Feindbildmechanismus zu verlieren, in dem sie jeden Tag neu versucht zu vertrauen, dass Gottes Liebe sogar größer ist als unser Herz. „Es ist das Schönste, was ich kenne, das Leben herauslesen aus den Menschen“, schreibt sie kurz vor ihrem Tod.

Zum Aufblühen ermutigen

Ja, was gibt es Schöneres, als einander zum Aufblühen zu ermutigen. Ich lebe aus diesem tiefen Vertrauen, dass unsere Wunden zu Perlen werden können. Unsere blockierte Lebenskraft kann durch das Geschenk einer heilend-göttlichen Auferstehungskraft aufgeweicht werden. Deshalb lockt uns unsere Herzensstimme immer wieder zum Verweilen in der Schöpfung, damit wir nicht ein Leben lang auf ein großes Wunder warten, sondern jeden Tag neu danken für all die wunderbaren Hoffnungsbilder der Natur, die uns im Innersten berühren können. Sie ermutigen uns, dass auch wir Menschen uns immer wieder zum Guten verwandeln können. Unsere Herzensstimme wiederholt uns ein Leben lang, dass wir von einer göttlichen Segenskraft bewohnt sind. So können wir füreinander zum Segen werden, wenn wir auch gut mit uns selbst sind und wenn wir uns unermüdlich für die einmalige Würde eines jeden Menschen ein- und aussetzen.

Pierre Stutz
Theologe, Autor, spiritueller Begleiter, www.pierrestutz.ch