Abschied nehmen

Haus Antonie Werr – Übergangswohnen im Sankt Raphaelsheim – Vorbereitung des Umzugs des Haus Antonie Werr – Kennenlernen beim Ortstermin am Würzburger Haugerring.

Nur wenige Fußminuten vom Hauptbahnhof Würzburg entfernt steht das Sankt Raphaelsheim. Das vierstöckige Haus unterscheidet sich äußerlich kaum von den anderen Gebäuden am Haugerring. Dicht aneinandergebaut, mit dunkler, trister Außenfassade wirken sie zunächst nicht sehr einladend. Um so mehr überraschen beim Betreten des Hauses der helle Eingangsbereich und die hohen weiten Räumlichkeiten. Das Sankt Raphaelsheim befindet sich im Besitz der Oberzeller Franziskanerinnen.

Die Mitarbeiterinnen des Fachbereichs Frauen sind zu einer Begegnung mit den dort lebenden acht Ordensschwestern eingeladen. Grund: Die Generalsanierung vom Haus Antonie Werr steht an. Für die voraussichtliche Bauzeit von eineinhalb bis zwei Jahren wird ein Übergangsquartier benötigt. Nach langer vergeblicher Suche nach Räumlichkeiten im gesamten Stadtgebiet fiel die Entscheidung des Generalrates auf das Raphaelsheim. 

Ortstermin

Treffen im großen Speisesaal: Gleich zu Beginn betont Generaloberin Schwester Dr. Katharina Ganz die Wichtigkeit des Zusammenkommens. Alle Schwestern des Konvents im Raphaelsheim werden umziehen und einen neuen Lebensmittelpunkt bekommen. Dasselbe gilt für alle Bewohnerinnen des Haus Antonie Werr und die Mitarbeiterinnen, die vorübergehend einen neuen Arbeitsplatz erhalten. Kennenlernen, Begegnung und Austausch stehen im Mittelpunkt des Vormittags. Natürlich geht es auch darum, den unterschiedlichen Gefühlen, die mit den herannahenden großen Veränderungen verbunden sind, Raum zu geben.

Austausch

Der Austausch gestaltet sich von Beginn an sehr lebendig und interessant. Die Schwestern berichten aus ihrem bewegten Leben. Die verschiedensten Berufe haben sie erlernt und ihr Wissen und ihre Erfahrung in den Einrichtungen des Klosters Oberzell weitergegeben. Von der Handarbeits- lehrerin, Kinderpflegerin, Erzieherin, Krankenschwester bis hin zur Schneiderin und Industriekauffrau ist alles vertreten. Und wie oft mussten sie in ihrem im wahrsten Sinne „bewegten Leben“ schon umziehen! Bis heute hat jede der Schwestern ihren eigenen Verantwortungsbereich im Raphaelsheim, obwohl einige von ihnen bereits das 80. Lebensjahr überschritten haben. Bei all den interessanten Ausführungen der Ordensfrauen ist zu spüren, dass der bevorstehende Abschied nicht leichtfällt.

Die Mitarbeiterinnen des Fachbereichs Frauen haben ebenfalls viel zu erzählen. Einige der Informationen, beispielsweise die über vorherige Ausbildungen, sorgen sogar für Überraschung im Kolleginnenkreis. Angefangen von den Sozialpädagoginnen über die Verwaltungsangestellte, bis hin zu den Reinigungsfachfrauen blicken die meisten auf eine langjährige, einige bereits auf eine Jahrzehnte lange Dienstzeit bei den Oberzeller Franziskanerinnen zurück. Immer wieder wird in dem Gesagten die Verbundenheit mit der Trägerin und die gegenseitige Wertschätzung von Schwestern und Mitarbeiterinnen deutlich.

Geschichte des Hauses

Im zweiten Teil des Vormittags kommt Schwester Alexandra Gambietz, Religionspädagogin und Oberin des Konvents zu Wort. Seit 1994 lebt sie am Haugerring und kennt die Geschichte des Hauses wie kaum eine andere: Die sogenannten Bürgerhäuser entlang des Haugerrings waren vor dem Zweiten Weltkrieg überwiegend im Besitz jüdischer Familien. Die zahlreichen Stolpersteine entlang der Straße geben Zeugnis darüber ab. Eine der wenigen Ausnahmen bildete das Raphaelsheim. Das Haus gehörte damals dem Geschwisterpaar Andreas und Theresa Ziegler, die es im Jahr 1937 den Oberzeller Franziskanerinnen vermachten. In der NS-Zeit waren Schenkungen an Klöster jedoch verboten. Erst nach dem Krieg ging das völlig zerstörte Raphaelsheim mittels einer Stiftung in den Besitz des Klosters Oberzell über. „In der Zeit des Wiederaufbaus kamen die Schwestern täglich mit Handwagen aus Oberzell, klopften Steine und räumten Trümmer“, berichtete Schwester Alexandra. Mit Hilfe von Spenden aus Amerika konnte das Raphaelsheim als erstes Haus in der Straße zu Weihnachten im Jahr 1948 wieder bezogen werden. Im Jahr 1949 wurde die Kapelle von Kardinal Julius Döpfner eingeweiht.

In der Zeit nach dem Krieg erhielten nur diejenigen eine Arbeitserlaubnis, die auch einen Wohnsitz nachweisen konnten. Aufgrund der großen Wohnungsnot waren die Zimmer im Sankt Raphaelsheim deshalb sehr begehrt und so war es keine Seltenheit, dass sich bis zu drei Personen ein Zimmer teilten. Ein bunter Kreis von Menschen, angefangen von StudentInnen, ArbeiterInnen, Bischöfen und Professoren lebten dort bis zum Jahr 1968. Im Rahmen einer Umstrukturierung wurde aus dem Haus eine Altenpflegeeinrichtung mit 34 Plätzen. Die dort lebenden Menschen wurden von 25 Oberzeller Schwestern gepflegt und versorgt. Eine Gesetzesänderung, die die Modernisierung für Altenheime beinhaltete, konnte nicht umgesetzt werden und führte somit im Jahr 1994 zur Auflösung der Pflegeeinrichtung. Bei den Ausführungen ist es Schwester Alexandra heute noch anzumerken, wie schwer ihr dieser Schritt fiel. In den folgenden Jahren erfolgten Vermietungen an zwei franziskanische Einrichtungen, die Christophorusschule, den Hausgeistlichen, Angehörige von schwer kranken Menschen in der Uniklinik, die mobilen Hilfen des Antonia-Werr-Zentrums sowie viele ausländische Studentinnen. Gerade diese lagen Schwester Alexandra besonders am Herzen. Sie weiß einige Anekdoten zu erzählen und berichtet von „Girlsabenden“ und dem Treffpunkt Küche, wo Begegnungen von Schwestern und Studentinnen stattfanden.

Im Anschluss berichtet Karola Herbert, Leiterin des Fachbereichs Frauen, über die künftigen Bewohnerinnen des Raphaelsheims: junge und ältere Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Hilfebedarfen.

Rundgang durchs Haus

Anschließend lädt Schwester Alexandra zur Hausbegehung ein. Sie führt durch die großen hellen Räume, die liebevoll ausgestattet sind mit Möbeln aus den 1950/60er Jahren. Die „Retrofans“ haben ihre Freude daran. In der Kapelle endet der Rundgang. Nach den vielen Informationen und Eindrücken ist die Ruhe wohltuend. Mit Gesang, Gebet und einem Segen beschließt Schwester Katharina den Vormittag. Danach sind alle Beteiligten noch zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Der bevorstehende Umzug beschäftigt alle. Die damit verbundene Arbeit, die Organisation und vor allem das Abschiednehmen stehen allen, aber im Besonderen natürlich den älteren Schwestern bevor und lösen die unterschiedlichsten Gedanken und Gefühle aus. Die Begegnung mit gegenseitigem Verständnis, Wohlwollen und Achtung lassen den Übergang ins Neue und Unbekannte bei aller Trauer vielleicht ein bisschen leichter werden. Machen wir uns also auf den Weg – mit  der Gewissheit, dass am anderen Ufer andere Blumen blühen.

Brigitte Keller