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Die Corona-Krise hat die Lebenssituation von wohnungslosen Menschen dramatisch verschlechtert. Die Regelungen und Hygienevorschriften verlangen Kreativität von Einrichtungen und Behörden.

Auf die Frage, was es für sie bedeutet, unterwegs zu sein, antwortete eine wohnungslose Klientin: „Nicht nach Hause kommen können.“ Homeless (wörtlich: ohne Heim) ist die englische Übersetzung von wohnungslos. Der Begriff macht noch mehr als das deutsche Wort deutlich, dass eine Wohnung ein Zuhause ist, ein privater Raum, zu dem man nach Ausflügen in die Außenwelt wieder zurückkehren kann, gewissermaßen ein Zufluchtsort. In der langjährigen Arbeit in der Anlaufsstelle für wohnungslose Frauen im Haus Antonia Werr hat nur eine einzige Klientin ihr Leben ohne eigene Wohnung als frei gewählt und als ein freies Leben bezeichnet. Einige Frauen sind seit Jahren wohnungslos und können ein Leben in geschlossenen Räumen auch gar nicht mehr aushalten. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Frauen, die in der Notschlafstätte übernachten, jedoch in einer akuten Krisensituation und haben beispielsweise aufgrund von Trennung, Rauswurf oder Wohnungsverlust keine Übernachtungsmöglichkeit. Manche sind einfach dankbar, sich einmal für eine Woche in einem sicheren Raum von ihrem anstrengenden Unterwegssein ausruhen zu können. Ein Leben ohne Wohnung ist durch die unsicheren Lebensumstände in hohem Maße anstrengend und macht krank. Besonders Frauen sind sexueller Gewalt ausgesetzt, wenn sie draußen übernachten, aber oft auch, wenn sie bei Bekannten unterkommen.

Laut einer Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. waren im Laufe des Jahres 2018 in Deutschland insgesamt 678.000 Menschen ohne Wohnung. Bei den folgenden Zahlen wurden die wohnungslosen anerkannten Geflüchteten (441.000 Menschen) nicht berücksichtigt, weil (noch) keine entsprechenden soziodemografischen Daten verfügbar sind. In dem Bericht steht zu lesen: „Die Jahresgesamtzahl der wohnungslosen Menschen ohne Einbezug wohnungsloser anerkannter Geflüchteter lag bei gut 237.000.“ Ein Großteil der Menschen komme in Verfügungswohnraum oder anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe unter. „Ca. 41.000 Menschen (…) leben jedoch ohne jede Unterkunft auf der Straße.“ Weiter heißt es in dem Artikel, die Anzahl von wohnungslosen Frauen sei in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Mehr als ein Viertel der wohnungslosen Menschen (27 Prozent) ist demnach weiblich (59.000). In der Notschlafstätte im Haus Antonia Werr übernachteten in 2018 an insgesamt 471 Tagen 54 Frauen (davon 14 Frauen zwei- bis zwölfmal).

Wohnunglos und Corona
Durch die aktuelle Corona-Krise hat sich die Lebenssituation von wohnungslosen Menschen dramatisch verschlechtert. Die bestehenden Ausgangsbeschränkungen wie der Rückzug in die eigene Wohnung oder die notwendigen Hygienemaßnahmen können von ihnen schlichtweg nicht eingehalten werden. Dabei gehören viele der wohnungslosen Menschen selbst zu den Risikogruppen. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leiden sie häufiger als die Durchschnittsbevölkerung unter Mehrfacherkrankungen. Demnach leiden wohnungslose Menschen im Durchschnitt auch an vier verschiedenen Krankheiten gleichzeitig und sind im eigentlich mittleren Lebensalter ab 50 Jahren deutlich vorgealtert.

Unbürokratische Hilfen
Viele Angebote vom bestehenden sozialen Hilfesystem wie Tagestreffs sind wegen der Ansteckungsgefahr zum Schutz von Klient*innen und Mitarbeiter*innen geschlossen bzw. auf einen Notbetrieb umgestellt. Ämter und Behörden haben nur noch eingeschränkten oder gar keinen Publikumsverkehr und sind wie viele Beratungsstellen nur noch telefonisch oder online erreichbar. Somit ist die Versorgung mit notwendigen Lebensmitteln oder zustehenden Tagessätzen nicht durchweg gewährleistet. Dusch- und Aufenthaltsmöglichkeiten fehlen ebenso wie dringend benötigte medizinische Versorgung. Die in dem Bereich zumeist ehrenamtlich tätigen Ärzt*innen und Pfleger*innen sind oft im Rentenalter und gehören somit selbst zu den so genannten Risikogruppen. In den Notschlafstätten können Zimmer aufgrund der Infektionsgefahr derzeit nur noch einzeln belegt werden bzw. kann nicht mehr aufgenommen werden, wenn er oder sie an Corona erkrankt ist und isoliert werden muss. Damit reduzieren sich die schon vor der Pandemie knappen Ressourcen weiter. Es fehlt deutschlandweit laut dem 10-Punkte-Sofortprogramm der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe noch flächendeckend an geeigneten Unterkunftsmöglichkeiten, gerade auch abgeschlossene Wohneinheiten für den besseren Schutz von „vulnerablen Gruppen wie psychisch oder somatisch schwer beinträchtige Menschen, von Gewalt bedrohte oder betroffene wohnungslose Frauen.“

Nach der schwierigen Anfangszeit in einer für alle noch nie dagewesenen Situation konnten durch das Zusammenwirken mittlerweile einige Zwischenlösungen gefunden werden, um die größte Not zu lindern. Auch den Mitarbeiter*innen in Ämtern und Behörden, mit denen das Haus Antonia Werr zusammenarbeitet, ist die prekäre Lage der wohnungslosen Menschen bewusst. Daher wurden teilweise unbürokratische Hilfsmöglichkeiten geschaffen. So kann die Einrichtung die normalerweise täglich ausbezahlte Hilfe zum Lebensunterhalt im Moment wöchentlich ausbezahlen, damit kein tägliches Kommen unter erschwerten Bedingungen nötig ist. Außerdem dürfen Frauen, solange die Ausgangsbeschränkung in Bayern gilt, länger als die üblichen sieben Tage in der Notschlafstätte übernachten. Auch die Aufnahme in die städtische Notunterkunft ist im Bedarfsfall rund um die Uhr möglich.

Mut in der Krise macht die Solidarität in der Bevölkerung. Beispielsweise wurden Masken für wohnungslose Menschen genäht und verteilt. Ihre besonders dramatische Lage ist auch in der Berichterstattung gerade in den Blickpunkt gerückt. Wir vom Haus Antonia Werr wünschen und hoffen, dass diese Hilfsbereitschaft und der mitfühlende Blick auf all diejenigen nicht nachlässt, die wohnungslos unterwegs sind oder sein müssen.

Susanne Göckelmann
Sozialpädagogin im Haus Antonia Werr

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