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In der Weihnachtszeit, am 4. Januar 2020, wo wir als Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu das göttliche Kind in der Krippe besonders verehren, hat Jesus Christus, unsere Mitschwester M. Gundola Vorndran auf ihrem harten Krankenlager besucht und sie in die himmlische Krippe geführt.

Schwester Gundola wurde am 19. Oktober 1935 in Karsbach, im Landkreis Main-Spessart, geboren und auf den Namen Maria getauft. Ihr Vater war Maurermeister, ihre Mutter versorgte den Haushalt und war für die sieben Kinder da.

Von 1942 bis 1950 besuchte Maria die Volksschule in Karsbach und anschließend einmal wöchentlich die dreijährige Fortbildungsschule in Gemünden. Ab Januar 1951 trat sie zudem eine Stelle als Hausgehilfin im Altersheim St. Josef in Gemünden an und konnte so zum Unterhalt ihrer Familie beitragen.

Maria kam schon während ihrer Kindheit mit Schwestern unserer Gemeinschaft in Kontakt, da wir in Karlsbach eine Niederlassung hatten. Sie fand im Heiligen Franziskus ein großes Vorbild und begeisterte sich für seine Solidarität mit Armen und Menschen am Rand. Die Spiritualität der Menschwerdung Gottes und der Einsatz für benachteiligte Mädchen und Frauen hat sie an unserer Gemeinschaft fasziniert. Für allein gelassene Menschenkinder wollte auch sie sich mit ganzem Herzen einsetzen. So trat sie am 31. August 1953 als 17-jährige in unsere Kongregation ein.

Als Kandidatin besuchte sie von 1953 bis 1955 das Kindergärtnerinnen-Seminar St. Hildegard in Würzburg und beendete die Ausbildung erfolgreich mit der staatlichen Prüfung zur Erzieherin.

Während ihres Postulats ab 1955 lernte Maria das Gemeinschaftsleben und unsere Spiritualität näher kennen und wurde am 3. Oktober 1956 in das damals einjährige Noviziat aufgenommen. Bei der Einkleidung erhielt sie den Ordensnamen Schwester Maria Gundola. Am 4. Oktober 1957 legte sie die Erstprofess für drei Jahre und 1960 die Profess auf Lebenszeit ab.

Der erste berufliche Einsatz führte Schwester Gundola im Oktober 1957 nach Königsfeld bei Bamberg, wo sie zehn Jahre blieb. Mit ihrer Versetzung in das Mädchenheim St. Ludwig im August 1967 änderte sich ihr Arbeitsfeld. Von nun an war sie fast 40 Jahre in der Heimerziehung tätig. Schwester Gundola wurde die Leitung der Schutzengelgruppe anvertraut.

Der Übergang vom Kindergarten in das Mädchenheim stellte eine große Herausforderung dar. Vielleicht wurde er für Schwester Gundola leichter, weil ihr neben den älteren Mädchen auch vier Kinder im Alter von eineinhalb bis acht Jahren anvertraut wurden. Für diese vier Geschwister nahm sie die Mutterstelle ein und blieb ihnen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter eng verbunden.

Um sich zur „Fachkraft in der Heimerziehung“ weiter zu qualifizieren, besuchte Schwester Gundola 1971 das Heimpädagogische Seminar in München. Für die Veränderungen in der Heimpädagogik, die im Zuge der 68er-Bewegung gefordert wurden, war sie offen und unterstützte deren Umsetzung in St. Ludwig.

Der Arbeit im Mädchenheim mit all ihren unterschiedlichen Facetten, widmete sich Schwester Gundola mit großem Engagement. Es gelang ihr, zu den einzelnen Mädchen wie zur Gesamtgruppe eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Schwester Gundola war es wichtig, nicht alle Mädchen über einen Kamm zu scheren, sondern die besonderen Bedürfnisse der verschiedenen Altersgruppen zu berücksichtigen. Im Kontakt mit den Mädchen war es ihr wichtig, ihre Fähigkeiten und positiven Eigenschaften herauszustellen und ihnen offen und wohlwollend zu begegnen. Auf diese Ressourcen orientierte Haltung legte sie auch bei ihrem Team großen Wert. Gleichzeitig gab sie klare Linien vor und war konsequent. Auseinandersetzungen stellte sie sich und und war bei Konflikten nicht nachtragend. Freilich erlebte sie auch Grenzsituationen in ihrer Arbeit.

Im Gruppenalltag legte sie Wert auf eine wohlwollende Atmosphäre und geschmackvoll gestaltete Räume. So wurden sonntags der Esstisch weiß eingedeckt und das wertvolle Geschirr und Besteck verwendet. Eine brennende Kerze oder eine Blume durften nicht fehlen. Zu Festtagen und Festzeiten wurde die Gruppe besonders geschmückt. Neben den Pflichten, die es im Heimalltag gab und die erledigt werden mussten, spielte Schwester Gundola gern mit den Mädchen und war unternehmungslustig. An den Wochenenden begleitete sie die Mädchen in Zivilkleidung in die Disco und nahm selbstverständlich ihr Strickzeug mit.

Das Schutzengelfest war ihr und den Mitarbeiterinnen sehr wichtig. Jedes Jahr wurde es mit viel Kreativität vom Erzieherinnenteam, den Mädchen und ihr vorbereitet und zusammen mit anderen Gästen gefeiert.

Auf den jährlichen Einkehrtag in Schwarzenberg freute sich Schwester Gundola genauso wie die Mädchen und Erzieherinnen. Dieser Tag durfte unter keinen Umständen ausfallen.

Schwester Gundola führte ein Buch mit den Namen aller Mädchen, die sie in ihrer Gruppe begleitet hatte. Zu vielen von ihnen hielt sie auch nach dem Abschied aus St. Ludwig Kontakt. Gerade in der Weihnachtszeit konnten die Ehemaligen mit Post von ihr rechnen. An den Geburts- und Namenstagen schloss sie die Mädchen besonders in ihr Gebet mit ein.

Ein Herzensanliegen war Schwester Gundola auch die Zusammenarbeit und das Zusammenstehen mit den Kollegen und Kolleginnen im Heim. In ihrer freien Zeit kochte sie gern für die anderen den Kaffee, ermutigte in Krisensituationen und hatte grundsätzlich ein offenes Ohr. Ihr Arbeitsplatz war gleichzeitig ihr Lebensort, den sie mit den anderen zusammen gestalten wollte.

Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Gruppendienst blieb Schwester Gundola die Patin der Schutzengelgruppe, die regelmäßig zu Besuchen kam und Zeit für Spiel und Gespräch mitbrachte.

Von 2006 bis 2014 übte Schwester Gundola das Amt der Oberin im Konvent hl. Familie aus. In dieser Zeit übte sie auch noch die Wirtschaftliche Leitung im Antonia-Werr-Zentrum aus. Im Gemeinschaftsleben war sie besonnen, geduldig und brachte sich gern und zuverlässig ins Konventsleben ein. Ihr Einsatz galt nun der gesundheitlichen Versorgung der Schwestern genauso wie die geistliche Begleitung. Sie übernahm Dienste an der Pforte und hörte den Schwestern wie auch den Mitarbeiterinnen und Mädchen stets aufmerksam zu. Schicksalsschläge trug sie mit und war eine stille Beterin in allen Anliegen, die ihr anvertraut wurden. Die letzten beiden Jahre im Konvent half sie vor allem im Haushalt mit.

In ihrer Freizeit war Schwester Gundola eine begeisterte Kartenspielerin, die sich kein Schafkopfturnier in St. Ludwig entgehen ließ. Außerdem liebte sie die Berge und ging sehr gerne wandern.

Ihrer eigenen Familie blieb Schwester Gundola zeitlebens eng verbunden und hielt regen Kontakt. Gerne besuchte sie ihre Schwester in München, wofür sie sich auch ans Steuer setzte, obwohl sie sonst keine besonders begeisterte Autofahrerin war.

Seit 2016 ließen ihre geistigen Kräfte nach weshalb Schwester Gundola auf die Pflegestation des Antoniushauses verlegt werden musste.

Vor zehn Jahre habe ich Schwester Gundola einmal befragt, was sie motiviert hatte, in Oberzell einzutreten. Ihre Antwort lautete: „Mich haben Franziskus und mit ihm das Franziskanische, die Einfachheit, angesprochen. Mich fasziniert an unserer Gemeinschaft, dass wir für die Armen da sind, die am Rand leben und ein schweres Leben hinter sich haben, die Hilfe brauchen. Ich war über 40 Jahre in der Gruppe im Heim tätig und habe das sehr gern gemacht. Ich wollte ihnen helfen auf ihrem Lebensweg.“

„Und was macht den Unterschied aus, ob man im Kloster oder in einer anderen Lebensform gläubig ist und Gott sucht?“, fragte ich weiter.

Schwester Gundola: „Für mich ist die Gemeinschaft sehr wichtig. Sie unterstützt mich in vielerlei Hinsicht. Wesentlich ist für mich das Gebet mit der Gemeinschaft.“

Und eine letzte Frage stellte ich ihr: „Worin besteht aus Deiner Sicht die größte Herausforderung für das Ordensleben der Zukunft?“

Schwester Gundola: „Eine große Herausforderung sehe ich darin, dass das Ordensleben sich nicht so sehr der Welt anpasst, aber doch zeitnah und lebendig bleibt.“

So bleibt uns, Schwester Gundola zu danken für ihr Lebenszeugnis, in dem sie uns ein Beispiel gegeben hat für lebendiges und zeitnahes Ordensleben in den Spuren von Franz und Klara von Assisi sowie Mutter Antonias und für sie zu beten, dass sie – wie die drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern gefolgt sind - nun angekommen ist am Ziel ihrer Sehnsucht.

Sr. Dr. Katharina Ganz
Generaloberin

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