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Am Nachmittag des 10. Juli schilderte der Franziskusforscher und Kapuziner aus der Schweiz, Br. Niklaus Kuster, in einem eindrucksvollen Vortrag die Begegnung von Franz von Assisi mit dem ägyptischen Sultan al-Kāmil Muḥammad al-Malik, die sich in diesem Jahr zum 800. Mal jährt.

Zwischen 600 und 800 n. Chr. war Europa – neben dem Byzantinischen Reich – von Herrschern christlichen Bekenntnisses regiert, während Muslime ihren Einfluss in Arabien und Nordafrika geltend machten. Karl der Große, Kaiser des Frankenreiches, versuchte die über das Reich der Westgoten (das heutige Spanien) vordringenden Mauren über die Pyrenäen zurückzudrängen. Vielfältige Spuren wie Bauten auf Sizilien und Spanien zeugen heute noch von der Bereicherung durch das Zusammenleben der Kulturen und deren Einflüsse in Philosophie, Architektur, Medizin, Städtebau, Astronomie, Seefahrt, Kriegstechnik und Landwirtschaft.

Gleichzeitig riefen Päpste und Prediger das christliche Abendland zu Kreuzzügen in den Orient auf, vor allem mit dem Ziel, Jerusalem von den Muslimen zurückzuerobern. Franziskus erlebte in seiner Zeit drei Kreuzzüge: als Kind den dritten Kreuzzug (1189-1192), als Kaufmann den vierten (1202-1204) und als minderer Bruder den fünften Kreuzzug (1216-1229). Die in dieser Zeit in Europa entstehenden romanischen Kathedralen verkünden programmatisch, um was es den weltlichen und kirchlichen Herrschern ging: An den Tympana über den Eingangsportalen thront der wiederkommende Christus als Weltenrichter. Bei seiner Wiederkunft – so die Botschaft – werden die Treuen und Folgsamen aus der Unterwelt ins himmlische Jerusalem geführt, die Anderen aber vom Rachen der Hölle verschluckt und in das ewige Feuer verdammt. Ziel war, den Aufrufen der Kreuzzugsprediger zu folgen, um den aus Jerusalem vertriebenen Heiland zu befreien und damit das eigene Seelenheil zu erwirken – koste es, was es wolle. Das kurze irdische Leben galt es einzusetzen, um das ewig währende himmlische Leben zu erlangen. Mit der Bulle „Quia vos“ verpflichtete Papst Innozenz III. 1213 alle Christgläubigen, zum Kreuzzug beizutragen: indem Adelige die Waffen nehmen und Bürger oder Bauern Feindespsalmen beten und Geld spenden. Gläubige, die nicht so oder so „mit dem Herrn“ gegen die Gottlosen kämpfen, würden Christus verraten und ihr Heil verscherzen.

Wie wir wissen, war Franziskus als junger Mann selbst von diesen Gedanken infiziert. 1205 wollte er nach Apulien ziehen, um zum Ritter geschlagen zu werden und mit Gautier de Brienne zu kämpfen. Ein Mosaikstein seiner Bekehrung war der Traum bei Spoleto, als er – von seinem Vater ausgestattet mit Pferd und Rüstung – nur wenige Kilometer von Assisi entfernt im Halbschlaf eine Stimme vernahm, die ihn fragte, wohin er gehen wolle. Auf seine Antwort hin fragte ihn die Stimme: „Wer kann dir Besseres geben, der Herr oder der Knecht?“ Als Franziskus antwortete: „Der Herr“, vernahm er die Gegenfrage: „Warum also verlässt du statt des Knechtes den Herrn und statt des Hörigen den Fürsten?“ Darauf Franziskus: „Was willst du, Herr, dass ich tue“. Die Stimme sagte: „Kehre zurück in dein Land, um das zu tun, was dir der Herr offenbaren wird.“ Unversehens fühlte er sich, wie es ihm schien, durch die göttliche Gnade in einen anderen Menschen verwandelt. (AP 6, 1-8, aus: FQ, 580).

In Folge seines neuen Lebens als minderer Bruder machte sich Franziskus später zweimal auf den Weg: Nicht aber um die als „Ungläubige“ bezeichneten Muslime mit Waffengewalt zu bekehren, sondern aus der Kraft des christlichen Glaubens den friedlichen Dialog zu suchen. 1214 brach er zu einer Friedensmission nach Spanien mit Ziel Marokko auf und versuchte dort einen Brückenschlag zu Kalif Yusuf al-Mustansir. 1219 erfolgte die Friedensmission nach Syrien mit dem Ziel Ägypten, wo er während einer Feuerpause zwischen dem Kreuzfahrerheer und den Muslimen im Sommer einen Brückenschlag zu Sultan al-Kamil Muhammad al-Malik versucht.

Die Früchte dieser Begegnung sind, dass Franziskus erkennt, der Dialog ist wichtiger als der Kampf. Beeindruckt von der Frömmigkeit der Muslime und den 99 schönsten Namen Gottes schreibt Franziskus im Herbst 1224 auf La Verna die Litanei zum Lobpreis Gottes. Auch in das Missionsstatut greift er seine Erfahrungen auf. Von den Brüdern, die hinausziehen, heißt es, dass nur die gesandt werden sollen, denen es von Gott eingegeben ist und wenn sie von ihren Ministern als geeignet gehalten werden und die Erlaubnis bekommen. Sodann gelten zwei Weisen des geistlichen Wandelns unter den Sarazenen und Andersgläubigen: „Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden, damit jene an den allmächtigen Gott glauben, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den Sohn, den Erlöser und Retter, und sich taufen lassen und Christen werden“ (NbR 16,5-7, in: FQ 82).

Vom Sultan mit einem Horn beschenkt, soll Franziskus wie ein Muezzin die Brüder zum Gebet aufgerufen haben. Um die Einführung eines ähnlichen Zeichens bat er die Lenker der Völker: Und möget ihr doch unter dem euch anvertrauten Volk dem Herrn so große Ehre bereiten, dass an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen dazu aufgerufen werde, vom gesamten Volk Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen.“ (Lenk 7, in: FQ, 137). Das heutige Angelus-Läuten geht auf diese Initiative des Franziskus zurück.

Dieser Geist des Franziskus und seine universale Weite waren vermutlich der Ausschlag dafür, dass Johannes Paul II. erstmals 1986 die Vertreter der großen Weltreligionen zu einem Friedensgebet nach Assisi einlud, und eben nicht nach Rom oder Jerusalem oder an einen anderen Wallfahrtsort. 2002 lud derselbe polnische Papst erneut zum zweiten großen Friedensgebet nach Assisi ein. Im Zeichen des 11. Septembers 2001 und des Golfkrieges trafen sich über 300 Delegierte der Weltreligionen in der umbrischen Stadt. Ihr Dekalog für den Frieden verwarf jede Form von Gewalt im Namen Gottes und wahrer Religiosität. Papst Benedikt XVI. ging noch einen Schritt weiter, als er beim dritten Friedensgebet am 27. Oktober 2011 auch Vertreter der Naturreligionen und Nichtgläubige zum Friedenstreffen nach Assisi einlud, weil auch sie „Pilgernde sind zu Wahrheit und Frieden“. Papst Franziskus schließlich kam als Gast – nicht als Initiator und Gastgeber! – zum vierten großen Friedenstreffen der Kirchen, Welt- und Naturreligionen, das vom 18.-20. September 2016 erneut in Assisi stattfand. 

Das zeigt, welchen langen Weg die Kirche selbst in ihrer Lehre gegangen ist, galt die Kirche doch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil als allein selig machend. Und der von Cyprian von Karthago stammende Satz „extra ecclesiam nulla salus“ wurde beim Konzil von Florenz (1438-45) zum Dogma erhoben mit dem Anspruch, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein Heil gebe. Erst die 1965 verabschiedete Konstitution „Nostra Aetate“ relativierte diese Aussage, indem sie feststellte, dass man auch die „Strahlen der Wahrheit“ in den anderen Religionen schätzen müsse. Beim Friedensgebet in Assisi 2011 bekräftigte Benedikt XVI. nun, dass alle Kirchen und Religionen gemeinsam zu Wahrheit und Frieden pilgern und keine die Wahrheit besitzt. Im Februar 2019 trafen sich in Abu Dhabi Papst Franziskus und Großimam Ahmad Muhammad Al-Tayyeb, der Rektor der islamischen Universität Kairo in Erinnerung an das historische Begegnung von Franz von Assisi mit dem Sultan in Damiette 1219 und verabschiedeten eine Erklärung zur Geschwisterlichkeit aller Menschen.

Am Ende seines Vortrages gab Br. Niklaus als Anstöße für die interreligiöse Begegnung heute zehn Handlungsoptionen für das christliche, islamische und interreligiöse Miteinander heute. Sie können auch für das Miteinander unter uns stehen und für den Umgang mit jedem Menschen, woher er auch immer kommt:

  1. Die Initiative ergreifen

Wer Schritte wagt und auf Fremde zugeht, macht gute Begegnungen möglich, die ihrerseits die Basis werden für gemeinsame Erfahrungen.

  1. Den Frieden suchen

Der Wunsch, dass Menschen menschlich miteinander umgehen und gemeinsam Welt gestalten, überwindet Vorurteile und setzt sich für das Wohl jenseits der eigenen Binnenwelt ein.

  1. Mit Fremden vertraut werden

Begegnung gelingt, wo Menschen sich nicht auf das Trennende fixieren, sondern das Verbindende entdecken und miteinander vertrauter werden.

  1. „Den anderen“ Gutes tun

Wer anderen offen und Fremden wohltuend begegnet, öffnet Augen und Herzen. Dadurch kommt eine Dynamik in Gang, die befreiend handelt und gut zurückwirkt.

  1. Leben und Worte – spiritueller Austausch

Erst wenn Glaubende mit der Lebenssituation der Fremden vertraut sind und von ihnen als friedfertig und wohltuend erfahren werden, sollen Glaubenserfahrungen Thema sein und in einen Austausch auf spiritueller Ebene führen.

  1. Die eigene Identität leben

Dialog lebt vom Profil der Beteiligten. Überzeugte Christ*innen entdecken im Gespräch mit gläubigen Muslimen viel Gemeinsames und Unterschiede.

  1. Dialog aus der Dynamik des Gebetes

Franziskus betet vor dem Weg zu Sultan al-Kâmil um Kraft und Vertrauen. Der Sultan erweist sich seinerseits als tief spiritueller und betender Mensch. Unterschiedliche Bekenntnisse finden sich im Vertrauen auf das eigene und das Gebet des Du.

  1. Vertrauen in Gottes Geistkraft (inspiratio)

Da die Geistkraft über alle Grenzen wirkt, schlägt spirituelle Offenheit Brücken und ermöglicht Freundschaften über Glaubensgrenzen hinweg.

  1. Gemeinsam handeln

Sowohl der Sultan wie der Mystiker aus Assisi suchen Auswege aus sinnloser Gewalt und Krieg: Gemeinsame Ziele, Hoffnungen und Projekte verbinden – in Assisi und Abu Dhabi alle Religionen.

  1. Voneinander lernen

Franz entdeckt Gottesliebe in Islam und bewundert das Alltagsgebet der Muslime, woraus der christliche «Angelus» entsteht. Religionen gewinnen, wenn sie vom Erfahrungsschatz anderer lernen.

Sr. Dr. Katharina Ganz
Generaloberin

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