
Helga Schramm wurde am 29. April 1936 in Rosenberg in der Region Oberschlesien als zweitälteste von sechs Kindern geboren. Ihre Kindheitsjahre waren sehr geprägt vom zweiten Weltkrieg, von Vertreibung, Flucht, Not und dem frühen Hungertod eines Bruders.
Ihr Vater, der Maschinenkaufmann Johannes Schramm, wurde nach Kriegsende vermisst, ihre Mutter setzte sich mit all ihrer Kraft für die Familie ein. In ihrem Lebenslauf und einem persönlichen Rückblick schrieb Helga ihre Erinnerungen an diese Zeit nieder: Am 25. Januar 1945 musste ihre Familie die Heimatstadt verlassen, da die russischen Truppen sich dem Gebiet näherten. Nach einer beschwerlichen Flucht kreuz und quer durch Oberschlesien und die Tschechoslowakei kehrte die Familie Mitte Juni wieder in die Heimat zurück. Am 21. August 1945 wurden sie schließlich endgültig von Polen ausgewiesen. Nach einiger Zeit in Flüchtlingslagern bekam die Familie am 1. April 1946 eine Flüchtlingswohnung in Forst im Kreis Schweinfurt.
Schon im Alter von 13 Jahren spürte Helga den Wunsch ins Kloster einzutreten und als Missionarin zu wirken. Sie erzählte von dieser Zeit, dass sie auf ihrem Schulweg immer wieder in die Kirche ging, an der sie vorbeikam. Mehrfach hörte sie auf ihrem Schulweg und auch später den Ruf „Komm“ und spürte den Wunsch Ordensfrau und Missionarin zu werden, nach dem Vorbild der Hl. Theresia von Lisieux. Die Oberzeller Schwestern lernte sie schon in ihrem Heimatdorf Forst kennen.
Von ihrem ersten Besuch in Oberzell teilte Sr. Fidelis kürzlich folgende Erinnerung: „Als ich die Mutterhauskirche betrat, war ich innerlich getroffen vom Anblick des heiligsten Herzen Jesu und meiner Namenspatronin Margareta Alacoque, auf deren Namen ich getauft wurde.“
Angenommen und willkommen sein
Die Familie war durch die Fluchtgeschichte und den Verlust des Vaters sehr arm. So war es für Helga sehr tröstlich, dass Mutter Baptista sich bei ihrer Vorstellung in Oberzell sehr viel Zeit genommen hat, um ihr zuzuhören. Sr. Baptistas mütterliche Zusage: „Kommen Sie, wie Sie sind.“ begleitete Helga ihr Leben lang, als „Flüchtlingskind“ angenommen und willkommen zu sein. Ihr Bruder, so erzählte Helga, sang oftmals: „Oberzell, mach’s Türle auf, die Helga kommt im Dauerlauf!“
So trat Helga am 30.06.1951 in Oberzell ein und besuchte anschließend das Kindergärtnerinnenseminar im Kloster Oberzell. In Vorbereitung auf die mögliche Ausreise war Helga anschließend vier Jahre in der englischen Missionsschule in Neuenbeken. Bei ihrer Einkleidung am 4. Mai 1958 erhielt sie den Namen Sr. Maria Fidelis. Es folgte die klösterliche Ausbildung, die zweijährige Noviziatszeit und am 5. Mai 1960 feierte Sr. Fidelis ihre zeitliche Profess. Sehr wichtig und prägend in dieser Zeit war für Sr. Fidelis der damalige Spiritual Anton Hessler, der ihr das geistige Vermächtnis von Mutter Antonia in Bezug zum Wort Gottes näherbrachte.
Nach dem Besuch des heilpädagogischen Aufbauseminars in München folgten berufliche Einsätze in der Mittelschule in Oberzell zur Betreuung der klösterlichen Gruppe, in Kirchschönbach, München und im Mutterhaus. Am 5. Mai 1963 feierte sie ihre ewige Profess und berichtete rückblickend, dass sie sich im Laufe der Jahre oft die Frage gestellt hat: „Haben die Schwestern meine Berufung in die Mission vergessen?“
Aber ihr Wunsch in die Mission zu gehen, wurde wenige Monate nach ihrer ewigen Profess Wirklichkeit. Am 28. August 1963 reiste sie nach Südafrika in die Mission – ein großer Schritt und der Abschied von der Familie war nicht leicht. Im September 1963 kam Sr. Fidelis in Eshowe an und erinnerte sich an eine für sie prägende Zeit im Dezember des gleichen Jahres. Sie wurde nach Mbongolwane geschickt, um den schwer kranken Missionar, Rev. Pater Gerhard OSB, zu pflegen. Sie schreibt in einem Rückblick: „Der kranke Priester wurde in ganz besonderer Weise mein Lehrer. Er war sehr geduldig und dankbar für alles. Besonders war die Zeit unseres gemeinsamen Betens, und wenn ein Diakon uns beiden die hl. Kommunion brachte. Es gab auch genügend Zeit, in der er mir von seiner Missionsarbeit erzählte und mich mit Gebräuchen und neuen Lebensweisen vom Zulu Volk bekannt machte. Wirklich ein großes Geschenk Gottes, obgleich meine Aufgabe nicht leicht war.“
Tiefe Berufung als Lehrerin
Im Jahr 1964 begann Sr. Fidelis in der Holy Childhood Convent Schule in Eshowe zu arbeiten und fand dort ihre tiefe Berufung als Lehrerin und ihre Liebe zu den Kindern in Südafrika. Sr. Fidelis wirkte über 42 Jahre als Klassenlehrerin in der Holy Childhood Schule und übernahm auch nach dem Ausscheiden als Klassenlehrerin gerne den Religionsunterricht, so lange es gesundheitlich möglich war. Auch die Schulgottesdienste bereitete sie jahrzehntelang gemeinsam mit den Schüler:innen und Lehrkräften vor, sie gab Katechismusunterricht und teilte ihren Glauben mit den Kindern.
Unzählige Schüler:innen hat sie auf ihrem Glaubensweg geprägt, sie auf die Taufe und Erstkommunion vorbereitet und nicht wenige hielten bis heute den Kontakt zu ihr und schätzten ihre ehemalige Lehrerin und Wegbegleiterin. Auch die jungen Mitschwestern begleitete sie sehr gerne im Hineinwachsen in unsere Gemeinschaft, einige Jahre als Junioratsleitung und danach weiterhin durch Unterricht über Antonia Werr und unsere Lebensordnung. Sie war tief verwurzelt in unserer Spiritualität und es war ihr ein großes Anliegen, den Gründungsauftrag von Antonia Werr in die Zukunft zu führen und sie hoffte und betete immer um neue Berufungen. Bis zuletzt war sie interessiert, brachte sich nach ihren Möglichkeiten ein, bereicherte das Gemeinschaftsleben, liebte gemeinsame Feste und nahm Anteil an den Entwicklungen der Gemeinschaft.
Sr. Fidelis war von ihrem Wesen anspruchslos, gleichzeitig sehr verantwortungsbewusst, diszipliniert und hatte eine große Willenskraft. In ihrem Herzen behielt sie sich auch eine kindliche Haltung, offen für ihr Gegenüber, menschenfreundlich, dankbar und zutiefst vertrauensvoll. „Ich liebte es, mit den Kindern und den Menschen zu teilen,“ so sagte Sr. Fidelis rückblickend. Es zeigt ihre große Liebe und ihr Herz für die Menschen in Südafrika, im Besonderen die Kinder und ihre Familien.
Sr. Fidelis hatte einen tiefen, starken Glauben, sie pflegte und schätzte das gemeinsame und persönliche Gebet, Bibelteilen, die Eucharistiefeier. Gerne bereitete sie auch selbst spirituelle Impulse vor und sah im hohen Alter das Gebet als ihre Möglichkeit, weiterhin ihre Sendung zu leben.
Große Unterstützung von der eigenen Familie
Auch ihrer Familie war sie sehr verbunden, besonders mit ihrer Schwester Sieglinde verband sie eine innige Beziehung und sie verbrachte im Heimaturlaub gerne Zeit dort. Ihre Familie und besonders auch Sieglinde unterstützen die Mission tatkräftig durch Spendensammlungen oder den Missions-Stickkreis. Den Kontakt nach Oberzell pflegte Sr. Fidelis bis zuletzt durch intensiven Briefkontakt mit vielen Mitschwestern und war auch über die sozialen Medien mit Familienmitgliedern, Kolleginnen oder Freunden in aller Welt verbunden.
Sr. Fidelis war aus ganzem Herzen Missionarin. Daher wollte sie auch ihren Lebensabend in Südafrika verbringen und dort ihre letzte Ruhestätte finden. Bei ihrem letzten Heimaturlaub im Jahr 2022 traf sie diese Entscheidung noch einmal in aller Klarheit und kehrte, wie sie selbst sagte „For Good – für immer“ in ihre Missionsheimat Südafrika zurück. Sie meisterte all die Beschwernisse, die das hohe Alter für sie mit sich brachte, mit großer Kraft und blieb dabei stets zuversichtlich und zukunftsorientiert. Den Umzug in das „Zululand Altenheim“ ging sie sehr bewusst und war schon vor ihrem Einzug jeden Freitag dort zu Besuch. Auch wenn ihr der Abschied von der Gemeinschaft und dem regelmäßigen Gebet schwerfiel, sah sie auch dort noch die Möglichkeit, ihre Mission als Oberzeller Franziskanerin zu leben, indem sie den Menschen ihre Zeit und ihren Glauben schenkte.
Am 29. April konnte sie mit ihren Mitschwestern, Kardinal Napier und vielen Freund:innen ihren 90. Geburtstag feiern, auch die Schulkinder sangen ihr zur Ehre ein Ständchen im Altenheim. Am 11. Mai konnte sie im Kreis ihrer Mitschwestern, wie sie es sich gewünscht und erhofft hatte, ihr Leben in Gottes Hand zurückgeben. So ist sie jetzt in Seiner Ewigkeit, wie sie es in ihrem Lieblingsgebet täglich gebetet hat: „Herr, dein bin ich, Dir geweiht. Dein für Zeit und Ewigkeit.“ Amen.
Sr. Juliana Seelmann, Generaloberin