Schwester Marwiga Schenk

Elfriede Schenk wurde am 13. März 1941 im Sudentenland geboren, sie war das Achte von dreizehn Kindern ihrer Eltern Rudolf und Wilhelmine Schenk. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Deutschhausen, was im heutigen Tschechien liegt und die letzten Kriegsjahre waren sicher nicht einfach für die Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit ihrer Familie aus dem Sudentenland vertrieben und kam 1946 nach Bayern. Dort in Steinwiesen (im Landkreis Kronach) hatte unsere Gemeinschaft eine Niederlassung. So lernte Elfriede unsere Kongregation kennen und hatte einen guten, lebendigen Kontakt mit unseren Schwestern.

Sr. Dietfrieda war ihre Kindergärtnerin und Elfriede hat schon als Mädchen den Schwestern geholfen, so hat sie zum Beispiel mit den Kindern gespielt oder beim Aufräumen geholfen, dafür war sie dann auch hin und wieder zum Essen eingeladen. In ihrem Fragebogen für ihre Anmeldung ins Kloster schrieb sie, dass sie schon im Alter von zwölf Jahren spürte, dass sie als Ordensfrau leben möchte. Im zarten Alter von 13 Jahren trat sie dann bei den Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu ein und besuchte zuerst die Mittelschule im Kloster. Nach ihrem Schulabschluss machte sie verschiedene Praktika und wurde anschließend in Köln zur medizinisch-technischen Assistentin ausgebildet. Diesen Lehrgang musste sie später noch einmal besuchen – in englischer Sprache in Südafrika.

Bei ihrer Einkleidung am 3. Oktober 1961 erhielt sie den Namen Sr. Marwiga und feierte 1963 am Franziskusfest ihre Erstprofess, drei Jahre später ihre ewige Profess. Nach ihrer Ordensausbildung war Sr. Marwiga an verschiedenen Orten als medizinisch-technische Assistentin eingesetzt, sie war im Mutterhaus, in Schondra und in Mohnheim. Nachdem sie einige Jahre Berufserfahrung gesammelt hatte, reiste sie 1969 ins Zululand nach Südafrika. Den Wunsch nach Afrika zu gehen, so erzählte sie bei ihrem 60-jährigen Professjubiläum im Jahr 2023, hatte sie schon als Kind, noch bevor sie den Ruf spürte ins Kloster zu gehen.

Die Ausreise erfolgte am 21. Februar 1969 mit der „Europa“, eine aufregende lange Reise, über die Sr. Marwiga einen ausführlichen Reisebericht verfasste. Schon damals lag ihr das Schreiben und Erzählen, so pflegte sie auch später intensiv den Kontakt und schickte viele Briefe in die Heimat, wenn es ihre Zeit zuließ. Ihren 27. Geburtstag feierte Sr. Marwiga drei Tage vor ihrer Ankunft noch auf dem Schiff – sie schreibt an diesem Tag in ihrem Reisebericht: „Auch wir bekommen schon allmählich Aussteigefieber. Am Abend ist ein festliches Kapitäts-Abschiedsessen. Ein Tisch ist besonders fein dekoriert mit Pferden aus Marzipan, Springbrunnen die beleuchtet werden. Nach dem Abendessen singen und erzählen wir noch lange. Über uns leuchtet der südliche Sternenhimmel.“ Nach einigen weiteren Tagen auf dem Schiff erreichten sie am 14. März ihr Ziel und sie schreibt dazu: „Seit gestern Abend fahren wir an der Küste entlang. Die Landschaft ist schon ganz afrikanisch. Wir sind so nahe an der Küste, dass man sogar die Krale erkennen kann. Wir sind alle schon voller Erwartung. Wie wird es aussehen, wer ist am Schiff? Wir freuen uns alle schon sehr auf den Neuanfang im Missionsland. Vergelt’s Gott, liebe Ehrwürdige Mutter für alles, das mir diese Einreise ermöglichte, vergelt’s Gott für alles Gebet.“

Neue Heimat Mbongolwane

Nach ihrer Ankunft war Sr. Marwiga die ersten 24 Jahre in Mbongolwane eingesetzt und lebte sehr gerne an diesem Ort, der ihr gleich zur Heimat wurde. Die Anerkennung ihrer beruflichen Ausbildung war nicht leicht uns so musste sie sich in Durban erneut ausbilden lassen, bevor sie als medizinische-technische Assistentin im Krankenhaus arbeiten konnte.

15 Jahre lang war sie für die Ausbildung der Novizinnen zuständig und es waren sicher auch oftmals herausfordernde Zeiten. Erst 1970, acht Jahre zuvor, wurde die erste afrikanische Frau trotz der Rassentrennung in Südafrika in die Gemeinschaft aufgenommen, nachdem das Kapitel die Eröffnung eines Noviziats genehmigt hatte. Sr. Marwiga schrieb 2024 in einem geschichtlichen Rückblick: „Wir waren uns von Anfang an sicher, dass wir nur junge Menschen aufnehmen wollten, wenn wir eine Gemeinschaft bildeten, indem wir unter einem Dach zusammenlebten, zusammen beteten und arbeiteten und keine separate Gemeinschaft bildeten. In unserem täglichen Zusammenleben mussten wir Unterschiede und Missverständnisse überwinden und ein gemeinsames Maß an Toleranz, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt für das Anderssein finden. Wir mussten lernen, die unterschiedlichen Mentalitäten, Werte und Ideale der anderen Kultur zu verstehen. Unsere gemeinsame Berufung erforderte die Bereitschaft jeder einzelnen Schwester und der Gemeinschaft als Ganzes, eine neue gemeinsame Identität zu finden. Wir wollten ein Zeichen setzen, indem wir die bestehenden Apartheidgesetze brachen und zeigten, dass es die Liebe Gottes zu allen Menschen ist, die uns diese schwesterliche Verbundenheit schenkt, und nicht die Farbe der Haut oder der Ort, an dem wir aufgewachsen sind.“

Sr. Marwiga war sehr bemüht, die Novizinnen gut einzuführen, sie hat viele Texte übersetzt und war gleichzeitig auch streng und konsequent, sicher auch geprägt von ihrer eigenen Zeit und dem Verständnis der Ordensausbildung. Sie war ein Multitalent und auch eine gute Musik und Handarbeitslehrerin für die jungen Schwestern.

Nach ihrer Zeit als Noviziatsleitung ging Sr. Marwiga für eine Auszeit nach Holy Cross und wirkte dort anschließend als Internatsleiterin. Sie war keine ängstliche und hatte eine zupackende Art. In ihre Zeit in Holy Cross fiel ein großer politischer Wandel, im Juni 1993 wurde der 27. April 1994 als Datum für die ersten nicht-rassischen Wahlen in der Geschichte Südafrikas festgelegt. Nelson Mandela und der damalige Staatspräsident Frederik Willem de Klerk wurden 1993 mit dem Friedensnobelpreis für ihre Arbeit zur Überwindung der Apartheid ausgezeichnet. Gleichzeitig war das Jahr 1993 geprägt von hoher politischer Gewalt, es gab über 4.300 Tote im gesamten Jahr. Bevor eine große Veränderung für Sr. Marwiga anstand, arbeitete sie noch für einige Monate im Kinderheim in Mbongolwane.

In Ntabankulu ganz nah bei und mit den Armen

Auf die Einladung des Bischofs William Slattery entschied die Gemeinschaft, einen neuen Konvent in der NTabankulu in der Diözese Kokstadt zu eröffnen, wo Sr. Marwiga 24 Jahre wirkte. Sie hat sich dort in der Seelsorge, Katechese, Sakristei und Liturgie eingesetzt, Hausbesuche gemacht und sich in der Armenfürsorge engagiert. „Umarmt die Aussätzigen unserer Zeit“, forderte Papst Franziskus auf und das tat Sr. Marwiga. Sie lebte in Ntabankulu, einer sehr armen Gegend mit einer hohen Arbeitslosigkeit, ganz nah bei und mit den Armen. Sie hörte ihnen zu, war eine Vertrauensperson, war großzügig, organisierte ganz praktische Hilfe wie Essenspakete oder wenn möglich einen Arbeitsplatz, sie sammelte Spenden für Schuluniformen oder vieles mehr. Sr. Lucella und Sr. Marwiga waren ein gutes Team, umso schwieriger war es, dass Sr. Lucella ganz unerwartet nach einem Sturz in Deutschland nicht mehr zurückkommen konnte. Mit P. Günter Hoffmann von den Combonimissionaren pflegte sie seit ihrer Zeit in Ntabankulu einen freundschaftlichen Kontakt.

So fiel ihr der Abschied von Ntabankulu, dem Leben in dem kleinen Konvent nah bei den Menschen nicht leicht. Sie kehrte noch einmal für einige Jahre an ihren Anfang – nach Mbongolwane zurück und packte erneut mit an, wo es ihr möglich war. Sie konnte seht gut in der Buchhaltung unterstützen, führte Kassenbücher, besuchte die Kinder oder übernahm andere Büroarbeiten. Auch als Regionalrätin übernahm sie in den letzten Jahren Verantwortung und brachte sich aktiv mit ein, hatte Ideen, Zukunftspläne und gab nie die Hoffnung auf, dass sie weitere Frauen der Gemeinschaft anschließen. Sr. Marwiga war bis zuletzt neugierig, lernbereit und wollte neues probieren oder erkunden.

Schwester Marwiga hatte und vertrat eine klare Meinung und einen festen Charakter, sie wusste was sie wollte und war auch durchsetzungsfähig, manchmal hartnäckig. Auch vor schwierigen Situationen und Gesprächen scheute sie sich nicht und fragte kritisch nach.
Sr. Marwiga war ein Gemeinschaftsmensch, sie liebte Canastarunden oder auch die gemeinsame Auseinandersetzung zu verschiedenen Themen. Auch das gemeinschaftliche Gebet und die Feier der Eucharistie waren ihr sehr wichtig. In Tabankulu bereitete sie viele Kinder für die Erstkommunion vor und teilte mit ihnen ihren Glauben. Sie war dem Leben zugewandt, hatte eine positive, lebensfrohe und zuversichtliche Grundeinstellung. Sr. Marwiga interessierte sich für ihr Gegenüber, ob es die Mitschwester, eine Mitarbeiter oder Pfarreimitglied war, sie hörte gerne zu, ermutigte, war aufmerksam und hatte eine herzliche Ausstrahlung. Bei der Feier ihres diamantenen Professjubiläum sagte Sr. Marwiga im Rückblick, dass sie nichts bereut, sondern dass sie auch heute wieder ins Kloster gehen würde.

Liebe Sr. Marwiga, du hast als Kind Gottes dein Licht für viele Menschen leuchten lassen, hast deine Talente nicht vergraben, sondern eingesetzt und du hast Menschen, ganz besonders die am Rande Stehenden ermutigt, ihre eigene Größe zu entdecken und ihr Licht leuchten zu lassen. Siyabonga kakhulu!

Sr. Juliana Seelmann, Generaloberin