Ich bin Oberzeller Franziskanerin, weil die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus als göttliches Kind für mich ein zentraler Aspekt meines Glaubens ist. Genau darin liegt auch ein wesentlicher Kern der Spiritualität unserer Gründerin Antonia Werr. Ebenso wichtig ist für mich die Verbindung zur franziskanischen Spiritualität: die Orientierung am Evangelium und die Nähe zum Menschen.
Ich stamme aus dem kleinen Dorf Freischweibach bei Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach, und bin als Älteste von zehn Geschwistern aufgewachsen. Den Oberzeller Schwestern begegnete ich schon früh, da sie im Kreiskrankenhaus und im Kindergarten in Kastl tätig waren. Mich beeindruckte als junges Mädchen besonders, wie selbstverständlich und zugewandt sie ihren Dienst an den Menschen lebten. Auch einige junge Frauen aus meiner Heimatgemeinde entschieden sich für den Weg in die Gemeinschaft bzw. waren bereits in Oberzell.
Mit 14 Jahren setzte ich durch, dass ich das Kloster kennenlernen durfte. Diese erste Begegnung ist mir bis heute lebendig in Erinnerung. Beim Besichtigen war meine Mutter entsetzt, als sie auf dem Bergfriedhof in der vorderen Reihe so viele Gräber junger Schwestern sah. Sie wusste nicht, dass diese Frauen an Tuberkulose gestorben waren. Für mich hingegen stand nach diesem Besuch und einem Gespräch mit der damaligen Generaloberin fest: Hier ist mein Platz.
Während meiner Schulzeit bei den Ursulinen lebte ich bereits in St. Hildegard und war damit mitten im Leben der Oberzeller Schwestern angekommen. Nach dem Abschluss blieb ich dort und absolvierte die Ausbildung zur Fachlehrerin für Handarbeit, Hauswirtschaft und Religion. Obwohl mich oft starkes Heimweh begleitete, da ich meine Geschwister sehr vermisste, waren mein Glaube und meine Berufung stärker. 1961 trat ich ins Noviziat ein, 1963 folgte die Erstprofess, 1967 die ewige Profess.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) fiel in meine Noviziatszeit. Die Berichte aus Rom bewegten mich sehr; das Studium der Konzilsdokumente vertiefte meinen Glauben nachhaltig. Nach der Erstprofess studierte ich in München für das Lehramt an Berufsschulen. Während dieser Zeit lebte ich im Schwesternkonvent in München-Thalkirchen und gab Nachhilfe im Heim für junge Mütter. Diese Erfahrungen eröffneten mir neue Perspektiven, auch wenn sie mich herausforderten. Meine Beobachtungen und Fragen brachte ich offen in Gespräche mit der damaligen Generaloberin ein.
Zurück in Oberzell unterrichtete ich zunächst als Referendarin im hauswirtschaftlichen Berufsbildungszentrum in Würzburg, bevor ich als Lehrerin im Mädchenheim die Schule übernahm. Anfang der 1970er Jahre zog das Oberzeller Heim in die Huttenstraße um. Über viele Jahre hinweg war ich an zwei Schulen tätig: an der Berufsschule beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) sowie als Studienrätin an der Von-Pelkhoven-Schule in St. Ludwig.
Besonders am Herzen lagen mir stets Schülerinnen, die Unterstützung brauchten. Viele Mädchen kamen aus der Erziehungshilfe. Es war berührend zu sehen, wie sie Schritt für Schritt Vertrauen fassten, über sich hinauswuchsen und neue Lebensperspektiven entwickelten. Kraft für diesen Dienst schöpfte ich schon damals aus Gebet, Stille und der Eucharistie.
1989 wurde ich als Vikarin in die Generalleitung gewählt, 2001 zur Generaloberin. In lebendiger Erinnerung sind mir auch die Besinnungstage für Jugendliche, die ich gemeinsam mit Sr. Lydia, Sr. Irmlind und Sr. Margit gestalten durfte.
Nach der Übergabe der Leitung im Jahr 2013 bekam ich eine Auszeit und verbrachte drei Monate in Israel. Ich lebte im Paulushaus, bei einer Gemeinschaft der Borromäerinnen, zuletzt bei einer palästinensischen Lehrerin. Die Begegnung mit den Orten des Wirkens Jesu war für mich nachhaltig und bleibt ein kostbarer Schatz.
In den darauffolgenden Jahren lebte ich im Konvent Nazareth, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fachakademie St. Hildegard und Wohngemeinschaft Berscheba – gewissermaßen eine Rückkehr zu meinen Anfängen. Dieser Konvent war ein offener Ort für Menschen aus der Umgebung. Ende 2024 wurden wir nach Oberzell versetzt und seither lebe ich im Konvent Padua.
Heute ist es mir wichtig, Kontakte und Beziehungen zu pflegen: zu ehemaligen Schülerinnen, Mitschwestern, Familien und Weggefährt:innen. Ich möchte für andere da sein. Die Liebe, die ich durch Christus auf vielfache Weise erfahre, soll auch in meinem Alltag sichtbar und spürbar werden.