Tanja Joa im Gespräch
Tanja Joa, Teamleiterin der Wohngemeinschaft Berscheba, im Gespräch.

Verbundenheit gibt Halt

Teamleiterin Tanja Joa über die Begleitung psychisch kranker Frauen im Wohnverbund Berscheba

Wie schaut ein typischer Arbeitstag bei Euch aus?

Einen „typischen Arbeitstag“ gibt es fast nicht. Wir arbeiten in überlappenden Diensten. Vormittags, wenn die Bewohnerinnen im Praktikum oder auf Arbeit sind, ist in der Regel nur eine Mitarbeiterin im Dienst und erledigt Bürotätigkeiten wie Telefonate, schreibt Berichte oder dokumentiert. Immer um 13.15 Uhr treffen sich ein oder zwei Mitarbeiterinnen mit den Bewohnerinnen, die schon vom Praktikum zurück sind, zu einem gemeinsamen Mittagessen. Die Nachmittage sind gefüllt mit Einzelgesprächen, Begleitung zu Terminen, Absprachen unter Kolleginnen, Putzkontrollen oder spontaner Unterstützung – sowohl bei Krisen, als auch tatkräftig bei Alltagsdingen, die den Bewohnerinnen schwer fallen. Ebenso sind Verwaltungsaufgaben zu erledigen, Anträge zu stellen, Dinge mit den Kostenträgern zu klären, es finden Vorgespräche mit jungen Frauen statt, die sich für einen Platz in der Wohngemeinschaft interessieren. Manchmal muss ein Fest oder ein Teamtag vorbereitet werden. Über den Nachmittag sind in der Regel mehrere Mitarbeiterinnen gleichzeitig im Dienst. Den Abenddienst bestreiten jeweils zwei Kolleginnen und es gibt ab 18 Uhr immer Treffen mit der gesamten Gruppe, entweder verbunden mit einem gemeinsamen Essen oder einer Freizeitaktivität. Um 20 Uhr ist Dienstschluss und man hat als Mitarbeiterin meist eine Menge erlebt, gehört, gefühlt, gedacht und gesprochen.

Welche Aufgaben und Verantwortungen hast Du konkret im Team?

Ich habe nach vielen Jahren als Teammitglied 2024 die Teamleitung in der Wohngemeinschaft Berscheba übernommen. Damit ging für mich eine Veränderung einher von der individuellen Begleitung einzelner Bewohnerinnen zu einer Verantwortung für das Gesamtsystem der Wohngruppe, das Team, den Dienstplan, Kostenklärungen, Entscheidungen über die Belegung der Plätze und insgesamt mehr Verwaltungsarbeiten. In die direkte Arbeit mit den Bewohnerinnen bin ich aber nach wie vor involviert

Warum hast Du diesen Beruf gewählt?

Nachdem ich nach meinem Abitur zunächst eine Ausbildung im Bereich Verwaltung begonnen und abgebrochen hatte, ist mir durch ein daran anschließendes Soziales Jahr stärker bewusst geworden, dass mir beruflich eine soziale Tätigkeit mit einem lebendigen, abwechslungsreichen Arbeitsalltag liegt. Den Fachbereich Frauen habe ich bereits während meines Studiums kennengelernt: ich habe mein Praktikum in der Wohngemeinschaft Berscheba absolviert und bin anschließend als Bürgerhelferin geblieben, da mir die Arbeit großen Spaß gemacht hat. Seit 2011 bin ich als Sozialpädagogin in der Wohngemeinschaft Berscheba angestellt.

Tanja Joa am Telefon in ihrem Büro.
Kommunikation steht im Mittelpunkt – sei es in Beratungsgesprächen oder bei Telefonaten im Büro mit Einrichtungen und Behörden.

Was gefällt Dir an Deiner Arbeit besonders?

Durch meine lange Mitarbeit bin ich dem Fachbereich Frauen und besonders meinem „Wirkungskreis“, der Wohngemeinschaft Berscheba, sehr verbunden. Dabei hat es mir immer sehr gefallen, junge Frauen dabei zu unterstützen, das Potential, das in ihnen steckt, zu entdecken und zu entfalten. Auch meine neue Aufgabe macht mir Freude, weil sie bedeutet, dass ich viel in Verbindung zu allen an diesem Prozess Beteiligten bin: den Mitarbeiterinnen, den Bewohnerinnen und den Kolleginnen aus den anderen Abteilungen im Fachbereich, wie auch zu Kostenträger:innen und Kooperationspartner:innen. Als kleine Einrichtung geht es auch immer wieder um Weiterentwicklung und Gestaltung und ich finde es spannend, durch meine Leitungsfunktion an diesem Prozess beteiligt zu sein.

Was sind die größten Herausforderungen in Eurer Arbeit?

Ich empfinde es in einer kleinen Einrichtung wie unserer oft als die größte Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen, da oft so viele Dinge gleichzeitig passieren und zu erledigen sind. Während auf der einen Seite bei einer Bewohnerin Kostenklärungen anstehen, geht es im Team darum, Ideen zu entwickeln, wie wir gemeinsam eine andere Bewohnerin in einer Krise stützen können. Ein Bericht muss geschrieben werden, eine Bewohnerin wird suizidal und muss in die Klinik, eigentlich sollte jedoch ein schöner gemeinsamer Abend entstehen, da eine Bewohnerin Geburtstag hat und ohnehin schon so viel Negatives mit diesem Tag verbindet. Wer backt jetzt den Geburtstagskuchen? Warum ist die Waschmaschine ausgelaufen? Und wer kann die Kollegin vertreten, die sich krank gemeldet hat? Dies sind nicht nur meine Herausforderungen, sondern unsere Herausforderungen als Team, die wir gemeinsam mit einem guten Zusammenhalt und viel Kreativität und gegenseitiger Hilfsbereitschaft bewältigen. Besonders herausfordernd sind für uns alle jedoch auch Situationen, in denen wir mit den Grenzen unserer Arbeit konfrontiert sind. Immer dann, wenn wir uns um eine junge Frau bemühen und dennoch die Wucht des Erlebten so groß ist, dass sie nicht mehr bereit oder in der Lage ist, sich aufs Leben einzulassen. Dies zu akzeptieren kann sehr schmerzhaft sein und fordert uns alle persönlich heraus. Dennoch ist es manchmal die einzige Möglichkeit, eine solche Entscheidung zu respektieren.

Wie reagiert Ihr, wenn eine Bewohnerin eine akute Krise erlebt?

Wichtig, besonders was den Umgang mit Krisen betrifft, ist, dass wir zu fünft im Team sind und keine Einzelkämpferinnen. Dieses Zusammenstehen gibt sowohl den Bewohnerinnen Halt, als auch uns Sozialpädagoginnen Sicherheit in schwierigen oder auch mal brenzligen Situationen. Gerade in akuten Krisen reagieren wir meist sehr ruhig. Andere Dinge, die zuvor wichtig waren, treten in den Hintergrund, denn Krisen haben Vorrang. Manchmal geht es nur darum, zuzuhören und dem Erleben der jungen Frau einen Raum zu geben, oder es ist tröstlich, etwas gemeinsam zu tun, wie ein Spiel oder einen Spaziergang, um nicht alleine mit den belastenden Gefühlen zu sein. Nicht selten sind akute Krisensituationen aber auch mit suizidalen Gedanken oder Plänen zur Selbstschädigung verbunden. Dann ist es notwendig, sehr aufmerksam zu sein und im Gespräch mit der Bewohnerin – bei Bedarf auch gemeinsam mit einer Kollegin – einzuschätzen, ob die junge Frau noch im Umfeld der Wohngruppe sicher ist, oder die Krise so manifest ist, dass eine vorübergehende Klinikaufnahme notwendig wird.

Wie helft Ihr den jungen Frauen dabei, über ihre Gefühle zu sprechen?

Jeder Mensch hat einen anderen Zugang zu seinen Gefühlen. Manchen Bewohnerinnen fällt es leicht, eigene Gefühle wahrzunehmen, sie haben jedoch negative Erfahrungen damit gemacht, diese zu äußern oder sich damit anderen Menschen zuzumuten. Daher leisten wir Mitarbeiterinnen eine „Vorschussarbeit“, indem wir den jungen Frauen in vielen Situationen verlässlich und wertschätzend gegenübertreten, damit ein Vertrauen entstehen kann, sich zu öffnen und über das zu sprechen, was sie bewegt, besorgt oder belastet. Bei anderen jungen Frauen wiederum scheinen die Emotionen nur schwer zugänglich, so dass wir gemeinsam nach Zugängen auf die Suche gehen: mit Hilfe von Bildkarten, Kuscheltieren, Imaginationsübungen und letztlich auch dem Anbieten der eigenen emotionalen Wahrnehmung.

Macht es für Dich einen Unterschied, dass Du für einen Orden arbeitest und was bedeutet Antonia Werr für Dich?

Ich fühle mich dadurch gestützt und zu einem größeren Ganzen zugehörig. Das empfinde ich als sehr wohltuend und es ist wertvoll für mich zu wissen, dass die Kongregation hinter uns und den Frauen, die wir begleiten, steht. In der Nachfolge Antonia Werrs zu wirken, bedeutet für mich, in der Tradition einer starken Frau zu arbeiten, die sich parteilich und nachdrücklich für Wertschätzung und Lebenschancen von Frauen eingesetzt hat, die Ungerechtigkeit ausgesetzt sind und besonders große Hürden im Leben bewältigen müssen. Am Mut und der Entschlossenheit von Antonia Werr nehme ich mir gerne ein Beispiel.

Tanja Joa (links) und ihre Kollegin Melanie Schilde (rechts) beim gemeinsamen Mittagessen mit den Frauen.
Tanja Joa (links) und ihre Kollegin Melanie Schilde (rechts) beim gemeinsamen Mittagessen mit den Frauen.

30 Jahre Wohnverbund Berscheba

Vor 30 Jahren wurde der Wohnverbund Berscheba gegründet – als Weiterentwicklung der bis dahin bestehenden Wohngruppe Magdala, die noch auf dem Oberzeller Klostergelände zuhause war. Die damalige Leiterin dieser Wohngruppe, Sr. Irmlind Rehberger, hatte die Idee, im frisch renovierten Gebäude der Fachakademie St. Hildegard zwei leerstehende Wohnungen für junge Frauen zu nutzen. Das Projekt begann mit zwei Bewohnerinnen und wuchs bald zu einem wichtigen Angebot im Geist Antonia Werrs heran.

Der Name Berscheba geht zurück auf den biblischen „Brunnenort“ im ersten Buch Mose. Er steht sinnbildlich für einen Ort der Stärkung und neuen Perspektiven, wie Sr. Irmlind es sich für die Frauen wünschte, die hier Zuflucht finden sollten.

Heute bietet der Wohnverbund sozialtherapeutische Unterstützung für junge Frauen zwischen 17 und 30 Jahren, die von einer seelischen Behinderung bedroht sind. In der stationären Wohngruppe und im Ambulant Betreuten Wohnen begleitet ein Team aus qualifizierten Sozialpädagoginnen die Frauen auf ihrem Weg in ein möglichst selbstständiges Leben. In drei Jahrzehnten ist Berscheba zu einem Ort geworden, an dem viele Frauen Vertrauen und Mut gefunden haben.