Eine Ordensschwester geht die Steintreppe im barocken Konventbau herunter. Das Kunstschmiedeportal im Hintergrund.

Internationale Begegnungen und aktuelle Fragen des Ordenslebens

Ordensfrauen aus aller Welt23 promovierte Ordensfrauen aus aller Welt kommen in diesen Tagen bei Rom zusammen, um sich über aktuelle Herausforderungen von Kirche und Ordensleben auszutauschen. Das Symposium der Internationalen Vereinigung der Generaloberinnen (UISG) beschäftigt sich unter anderem mit Künstlicher Intelligenz, Synodalität, geistlicher Autorität sowie Fragen von Macht und Missbrauch.

Sr. Katharina Ganz nimmt für die Oberzeller Franziskanerinnen an dem Treffen teil. Sie berichtet uns regelmäßig von Vorträgen, Diskussionen und Begegnungen vor Ort.

 

7. Juni 2026

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“: Missbrauch erwachsener Frauen und falsche Mystik

Eines der am meisten verschwiegenen Realitäten ist der (geistliche) Missbrauch an erwachsenen Frauen innerhalb der Kirche. Schwester Maria Rosaura González Casas STJ zufolge wird der Missbrauch an erwachsenen Frauen oft spirituell verschleiert oder als „mystische Erfahrung“ dargestellt: „Wenn der Glaube manipuliert und das Bild Gottes zur Unterdrückung oder zum Schweigen gebracht wird, entsteht schwerer spiritueller Schaden“, bekräftigte die Direktorin des Instituts für Psychologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana (Rom), „denn das Heiligste wird pervertiert und das Bild des Gottes des Evangeliums verzerrt.“

Machtmissbrauch und manipulierte Spiritualität

Die Rednerin erklärte, dass jedem Missbrauch – sei er sexueller, Gewissens- oder spiritueller Natur – Machtmissbrauch zugrunde liegt und dass dieser besonders zerstörerisch wirkt, wenn er im Namen Gottes ausgeübt wird. Diese Art von Missbrauch, so führte sie aus, entstehe in Kontexten, die durch Autoritätsungleichgewichte, blindes Vertrauen und mangelnde Aufsicht gekennzeichnet sind, wie etwa in der spirituellen Begleitung, im Beichtstuhl oder in Ausbildungsprogrammen.

Anhand konkreter Beispiele und bekannter Fälle zeigte Schwester Rosaura Maria González Casas, wie sogenannter „falscher Mystizismus“ unmoralisches Verhalten legitimieren und Betroffene dazu verleiten kann , eine missbräuchliche Beziehung als positive spirituelle Erfahrung zu betrachten. „Jemanden davon zu überzeugen, dass eine unmoralische Handlung gut für sein oder ihr spirituelles Wachstum ist“, sagte sie, „ist eine der schwerwiegendsten Formen religiöser Manipulation.“

Eine Wunde im Leib der Kirche

Die Psychologin und Theologin merkte an, dass Kindesmissbrauch zwar anerkannt und entschieden verurteilt werde, der Missbrauch erwachsener Frauen, insbesondere von Ordensfrauen, jedoch weiterhin ein offenes Problem darstelle. Wie verbreitet das Phänomen ist, zeigte sie anhand verschiedener Studien und Statistiken. Dabei verwies sie auf die neuesten Publikationen im deutschsprachigen Raum: www.missbrauchsmuster.de

Ermöglicht werden die Taten auch auf dem Hintergrund eine patriarchalen und klerikalen Kultur, in der das Priestertum mit heiliger Macht verbunden wird und strukturelle Ungleichheiten innerhalb der Kirche und in der Gesellschaft verstärkt, wie Schwester Maria betonte: „Wenn Autorität als Herrschaft und nicht als Dienst betrachtet wird, wird das Evangelium verraten und die Würde der geweihten Personen verletzt.“ Gonzales zufolge braucht es eine tiefgreifende Kirchenreform und einen veränderten Umgang mit Autorität. Das Kirchenrecht schütze Betroffene noch nicht ausreichend.

Geistliche Autorität und Gehorsam

Im Ordensleben werde bisweilen ökonomische Macht missbraucht, etwa wenn Versicherungsbeiträge nicht für alle einbezahlt werden oder nur die Oberin Zugang zu bestimmten Ressourcen hat. Vorgesetzte oder Formationsleiterinnen fordern bisweilen Unterordnung in blindem Gehorsam nach dem Motto: „Ich weiß, was Gott für Dich will!“

Geistlicher Missbrauch beruhe auf einer narzisstischen und egoistischen Selbstüberhöhung und der Gleichsetzung mit Gott statt den Unterschied zwischen und sich selbst und Gott zu betonen, so Gonzales weiter. „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ (Ex 20,7), lautet das dritte Gebot im Dekalog. Wann immer der Name Gottes benutzt wird, um unmoralische Handlungen zu rechtfertigen, handelt es sich um geistlichen Missbrauch. In der Seelsorge, Beichte oder bei Exerzitien entstünden genauso wie in der Ausbildung im Ordensleben ein Machtgefälle. In solchen asymmetrischen Beziehungen könne geistlicher Missbrauch geschehen, wenn Priester, Vorgesetzte oder geistliche Begleiterinnen ihre eigene Macht zementieren und als „heilige Macht“ überhöhen wollen, um das Gewissen einer anderen Person zu kontrollieren.

Sexualisierte Gewalt in diesem Kontext werde oft mit dem Hinweis geleugnet, dass beide Personen erwachsen gewesen seien. Freiwilligkeit und Zustimmung setzen aber Unabhängigkeit voraus. Asymmetrischen Beziehungen sind von Zwängen und Abhängigkeiten gekennzeichnet. Emotionaler Druck, Drohungen, Schweigegebote oder psychologische Einschüchterungen führen oft zu Handlungen, die Betroffene aus Angst vor negativen Konsequenzen tun, etwa aus zur Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren oder die Gemeinschaft verlassen zu müssen.

In der katholischen Kirche verstärken sich patriarchale Kulturen und die männliche Hierarchie gegenseitig, so Gonzales. Das gelte besonders in Weltregionen, in denen der Machismo weit verbreitet ist. Für die Kirche hat Schwester Maria Rosauro eine klare Forderung: „Wir müssen das Patriarchat überwinden, denn dadurch wird männliche Autorität überhöht, und Macht synodal ausüben.“

 

5. Juni 2026

„Schwestern Computer“ in der Sternwarte des Vatikans

Direktor Pater Richard A. D’Souza erklärt die Maschine, mit der die vier "Schwestern Computer" den Himmel kartografiert haben.Ein Ausflug hat uns nach Castel Gandolfo geführt. Dort befinden sich die Sommerresidenz des Papstes und die Sternwarte des Vatikans. Der Direktor Pater Richard A. D’Souza gab uns eine eindrucksvolle Führung. Schon immer hätten sich die Päpste für die Astronomie interessiert. Lange war dies wichtig, um das genaue Datum für das Osterfest berechnen zu können.

Etliche deutsche Jesuiten waren führend in der Forschung, teilweise wird die Technik bis heute von deutschen Firmen produziert. Das älteste Teleskop im Museum stammt von 1891. Anhand der Fotos haben vier italienische Ordensschwestern 481.215 Sterne zwischen 1910 und 1921 auf eine Himmelslandkarte exakt eingetragen. Man nannte Emilia Ponzoni, Regina Colombo, Conzetta Finardi und Luigia Panceri die „Schwestern Computer“. Nächstes Jahr wird der Vatikan ihnen eine Briefmarke widmen.

Seit 1981 befindet sich die Sternwarte des Vatikans im US-Bundesstaat Arizona auf 3.000 Metern Höhe. Erschwert wird die Himmelsbeobachtung heute durch die zehntausenden Satelliten, die auf der Umlaufbahn kreisen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die erste Sternwarte auf den Mond verlegt wird“, weiß Pater Richard. Und er hält es auch für wahrscheinlich, dass man in den nächsten fünf bis zehn Jahren Leben auf einem anderen Planeten nachweisen kann.

 

4. Juni 2026

Auf dem Weg zu einer digitalen Kultur des Ordenslebens

Prof. Giovanni Tridente hält einen Vortrag.„Jenseits des Werkzeugs: Künstliche Intelligenz (KI) als Frage nach der Menschlichkeit“. Unter diesem Titel hielt Prof. Giovanni Tridente (Pagina di Tridente) von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom einen Vortrag beim internationalen theologischen Symposium der Ordensfrauen.

Künstliche Intelligenz (KI) bestimmt längst auch das Ordensleben. Sie umfasst Instrumente, mit dem menschliches Denken, Handeln und Emotionen nachgeahmt werden. Tridente erklärte uns, wie die verschiedenen KI-Werkzeuge funktionieren und wie rasant sie sich seit 1950 entwickelt haben. Da KI auf Algorithmen und Statistiken basiert, kann sie den Menschen mit seinem kritischen Bewusstsein, Gefühlen, Aktionen und Erfahrungen nicht ersetzen.

Sie hat aber bereits massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche sowie auf den Verbrauch von Ressourcen und Wasser. KI kann uns helfen, komplexe Probleme anzugehen; sie wird dann zum Problem, wenn wir uns blind auf sie verlassen und sie quasi vergöttlichen.
KI fordert uns auf kontinuierlich zu lernen, die Technik zu nutzen und ihren Gebrauch zu steuern ohne das Gespür für das Wahre, Schöne und Gute zu verlieren. Es braucht weiterhin Menschen, die die KI generierten Ergebnisse mit dem eigenen Leben, Wissen und Erfahrungen abgleichen, Konsequenzen von Handlungen erkennen und Verantwortung dafür übernehmen.

Als Kriterien im Umgang nennt das Lehramt der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bis zur jüngsten Enzyklika von Papst Leo: Menschenwürde, Wert der Arbeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Transparenz, Bildung, Zugang und Barrierefreiheit, Ökologie, universelle Ethik, Datenschutz und Sicherheit.

Als Ordensfrauen wollen wir uns im ethischen Diskurs einbringen, die Auswirkungen der KI im Gemeinschaftsleben offen diskutieren sowie kreativ und wachsam bleiben im Hinblick auf die positiven wie negativen Konsequenzen dieser kulturellen Revolution und eines Menschenbildes in Richtung eines Trans- oder Posthumanismus.

Tridente lud uns ein, weiterhin die „Weisheit des Herzens zu pflegen“. Sie helfe uns, mit Hilfe von Religion, Spiritualität, Menschlichkeit und Weisheit eine kritisch-reflektierte Haltung zu KI einzunehmen, uns ganzheitlich zu bilden und die KI in gemeinsamer Verantwortung zum Aufbau einer menschlichen Gesellschaft und Beziehungen zu nutzen statt uns von ihr total fremdbestimmen und für kommerzielle Zwecke vereinnahmen zu lassen.

 

1. Juni 2026

Schwester Katharina Ganz mit weiteren Ordensfrauen aus aller Welt.Zum dritten Mal treffen sich auf Einladung der Internationalen Vereinigung der Generaloberinnen (UISG) promovierte Theologinnen aus der ganzen Welt, um sich zu vernetzen und über aktuelle Fragen des Ordenslebens nachzudenken. Diesmal sind 23 Ordensfrauen aus allen fünf Kontinenten zusammen gekommen. Jede hat sich zunächst mit einem Symbol ihrer Gemeinschaft vorgestellt, ihren Weg innerhalb der Gemeinschaft nachgezeichnet und mit welchem wissenschaftlichen Thema sie sich in ihrer Dissertation beschäftigt hat oder wozu sie aktuell forscht.

Heute Nachmittag trifft sich die Gruppe mit Generaloberinnen zum Austausch und zur Reflexion. In den kommenden Tagen geht es vor allem um die Künstliche Intelligenz und Digitalisierung mit ihren Auswirkungen auf das Ordensleben; Missbrauch, Autorität und Gehorsam sowie Synodalität. Für mich, Sr. Katharina, ist es eine wunderbare Chance andere Pastoraltheologinnen, Bibelexpertinnen oder Kirchenrechtlerinnen kennenzulernen und zu erleben, wie lebendig und vielfältig die Ordensfrauen ihr jeweiliges Charisma und ihre Spiritualität leben und in welchen Feldern sie tätig sind.

 

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