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Heuer jährte es sich zum 30. Mal, dass Achim Wenzel, Oberstudienrat und Hausgeistlicher im Kloster Oberzell, vom damaligen Würzburger Bischof Dr. Paul-Werner Scheele zum Priester geweiht worden ist.

Seine Primiz feierte Achim Wenzel wenig später in seinem Heimatdorf Sailauf bei Aschaffenburg in der Auferstehungskirche, wo er 1974 als erster Kurs die Erstkommunion empfangen hat und anschließend eifriger Ministrant gewesen war. Diese vom Architekten Emil Mai erbaute Kirche bedeutete ihm viel. Dabei gibt es sie inzwischen gar nicht mehr. 1971 geweiht, wurde sie nach nur 38 Jahren im Jahr 2009 wieder dem Erdboden gleichgemacht. Ihre Baufälligkeit wurde durch ein Gutachten zu ihrem Todesurteil.

Zugegebenermaßen war es ein gewagter Bau: Beton brut, schmuckloser und schnörkelloser Sichtbeton. Ohne Bilder. Nackte Architektur, die wuchtig wirkte, wie eine Trutzburg und gleichzeitig leicht wie ein Zelt, schroff und karg, von einer kühlen Würde und Schlichtheit. Ein „schwingender, umarmender Raum mit feierlicher Lichtführung und Konzentration auf den Altar und den zelebrierenden Priester“, wie es in einem Dokumentationsband heißt. Von diesem Bauwerk steht nun nichts mehr. Es wurde gewaltsam eingerissen. In der Pfarrei von Sailauf im Spessart und in den Herzen vieler Gläubiger, die in dieser Kirche gebetet, Gott verehrt und Gemeinde erfahren haben, klafft eine Wunde.

Ist das nicht ein Bild für unsere derzeitige Kirchensituation insgesamt? Wir erleben in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Abbruch im kirchlichen Leben mit einem Verlust an moralischer Glaubwürdigkeit der Institution, eine Krise des Amtes. Eine Austrittswelle nach der anderen bei enttäuschten Katholik*innen und Protestant*innen gleichermaßen. Die Strukturen verflüssigen sich. Die Kirche ist endgültig auf dem Markt angekommen und muss sich dem Diktat aus Angebot und Nachfrage beugen. Die allgemeine Krise der Institutionen, unter denen auch Parteien, Sportvereine und Gewerkschaften leiden, hat längst die Kirchen erfasst.

Wir leben in einer pluralistischen und individualisierten Welt. Es gibt viele Sinnangebote, die gleichberechtigt nebeneinander existieren. Die christliche Religion hat ihren Monopolanspruch verloren. Wir stehen vor dem Trümmerhaufen von vielem, was die Kirche einst als heilig und würdig erklärt hat. Gibt es einen Ausweg aus dem rein innerweltlichen Dilemma? Wo kommt Rettung her? Können wir uns noch einen Trost erhoffen?

Tomáš Halík sieht das Tor zum Glauben, das Tor zum nachösterlichen Christus, im „Tor der Verwundeten“. In seinem Buch „Berühre die Wunden“ beschreibt der tschechische Priester und Soziologe den christlichen Glauben als Weg, das Evangelium und unser Leben ständig in Beziehung zu setzen. Dazu braucht es den Mut, sich in diese Geschichte hinein zu begeben und die biblischen Texte mit den eigenen Erfahrungen zusammenzubringen. Nur so kann man erkennen, wie das eigene Leben von der verborgenen, unsichtbaren Gegenwart des Auferstandenen her beleuchtet, ausgelegt und verwandelt wird. Die Versuchung ist aber groß, sich an sichtbaren Bildern, unwandelbaren Lehren, bleibenden Traditionen und herkömmlichen Bräuchen festzuhalten. Auch die Sailaufer haben es nicht lange ausgehalten und 1985 eine Skulptur eines Auferstandenen am Kreuz in ihre Kirche gehängt.

Dabei verwies die Geometrie des Grundrisses auf einen anderen Fluchtpunkt. Die sieben mächtigen Deckenträger liefen in der Altarwand zusammen, durchbrachen den Beton und wiesen auf einen Zielpunkt außerhalb des Gotteshauses hin: einen transzendenten, jenseitigen Ort, der unseren Horizont übersteigt, den wir nicht sehen, sondern nur erahnen können und der durch Lichtöffnungen angedeutet war.

Die Realität der Auferstehung kann kein Kirchenraum einfangen, weil sie größer, schöner, weiter, erhabener und unsichtbarer ist, als alles, was Menschen begreifen, anschaulich machen oder in Beton gießen können. Alle sakralen Räume, alle Sakramente, Verkündigungen und zeichenhaften Symbole haben nur Hinweischarakter, bleiben im Vorläufigen und Endlichen.

Das ist schwer auszuhalten. Gleichzeitig liegt hier möglicherweise der Schlüssel zu dem, was auch uns heute aufgetragen ist. Wir müssen uns auf den Weg machen, und zwar gemeinsam – raus aus einer Kirche, die in ihren zementierten Selbstsicherheiten unbeweglich geworden ist und den Anschluss an das Leben der Menschen verloren hat. Aber: Nicht in Hast, sondern in der Spur, die uns Gott selbst weist. Wer auf dem Weg bleiben, sich an Jesus Christus festmachen will, kommt an den Wunden nicht vorbei. Christlicher Glaube lässt nicht unversehrt. Den Weg Jesu gehen, heißt, sich berühren und verwunden lassen, sich auszusetzen und zuhören. Das Tor zu Gott ist die verwundete Hand und das durchstochene Herz. Das Tor der Wunden Christi kann nur durchschreiten, wer sich so radikal wie Jesus selbst auf Gott ausrichtet, dass er eigenes und fremdes Leid nicht umgeht.

Das kostet Kraft, und es tut weh. Viele möchten dies vermeiden und flüchten sich in Trutzburgen der Dogmen, in fundamentalistische Abhängigkeiten, in die heile Welt überholter Bräuche. Sie werden genauso scheitern wie die, die bereits wissen, welche neuen Strukturen gebraucht werden und wie die zukünftige Gestalt der Kirche aussehen muss.

Die Auferstehungskirche von Sailauf ist am 24. Juli 2009, am Vorabend des Festes des Apostels Jakobus, dem Erdboden gleich gemacht worden. Ihr Grundriss enthält noch eine Botschaft, die nirgendwo dokumentiert ist. Sie hat nämlich die Form einer Muschel, genauer gesagt: einer Pilgermuschel. Die Jakobsmuschel ist ein Symbol für Tod und Auferstehung. Die Pilger*innen, die sie umhängen, verweist sie auf das Sterben müssen und die Auferstehung, die nur Gott bewirken kann.

Achim Wenzel wünschte ich an seinem Jahrestag, dass er als Suchender, als Zweifelnder, als um den Glauben Ringender, als verwundeter Priester, als reifender Mann, als enttäuschter Mensch, als Teil der pilgernden Kirche auf dem Weg bleibt, sich weiterhin Füße, Verstand und Herz wundläuft, die eigenen Wunden und die anderer Menschen vor Gott hinhält und in allem Scheitern und Gelingen immer neu in Gottes Namen beginnt. Der Kirche in Deutschland bleibt zu wünschen, dass sie sich bei dem nun begonnenen Synodalen Prozess wirklich auf einen gemeinsamen Weg macht als pilgerndes Volk Gottes, das auf Jesus Christus schaut und sich vom Auferstandenen führen lässt.

Sr. Katharina Ganz
Generaloberin

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