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Im Unterschied zu antiken Erzählungen über Kaiser, Pharaonen und Dichter war Jesus kein Wunderknabe oder Held, sondern ein normales Kind. Damit teilt Gott das menschliche Schicksal, wird verwundbar und sterblich.

Für das Motiv meiner Weihnachtskarte greife ich dieses Jahr auf Holzfiguren zurück, die eine Mitschwester gestaltet und mit Stoffen bekleidet hat. Für das Foto haben wir die rund 70 Zentimeter großen Figuren ins Freie gestellt, selbstverständlich mit genügend Abstand zwischen Maria und Josef, dem Engel und einem Hirten. Nur das Jesuskind darf im Arm seiner Mutter liegen. Und alle tragen – wie es sich inzwischen gehört und geboten ist – einen Mund-Nase-Schutz aus Stoff. Mit dieser Corona-Krippe möchte ich zeigen: Auch die heilige Familie ist verwundbar. Das ist ja das Anstößige und Unglaubliche, das uns die Evangelisten Matthäus und Lukas in ihren Kindheitsgeschichten überliefern. Im Unterschied zu den antiken Erzählungen über Kaiser, Pharaonen und Dichter war Jesus eben kein Superheld, kein göttliches Genie, kein Wunderknabe, sondern ein ganz normales Kind. Der Sohn Gottes kam in unser sterbliches Fleisch, er wurde ein Mensch wie wir. Geboren wie alle Menschenkinder. Bedürftig und nackt, auf Nahrung und Windeln, menschliche Nähe, Geborgenheit und Wärme angewiesen. Er unterwarf sich den Gesetzen von Zeit und Raum. Er nahm alles an und auf sich, was das menschliche Leben ausmacht. Und das bedeutet eben auch: Hunger und Durst, Frieren und Flucht, Mühsal und Arbeit, Folter und Tod. Das anzunehmen und auszuhalten, fällt uns schwer. Wir möchten uns absichern, Kontrolle gewinnen über das, was uns gefährlich werden könnte, unabhängig davon, ob die Bedrohung von Krankheiten, Naturgewalten oder von anderen Menschen und fremden Staaten ausgeht.

Gleichzeitig wissen wir: Letzte Gewissheiten gibt es nicht. Mitten im Leben sind wir ständig von Risiken, Unglück, Scheitern oder Sterben umgeben. Davon hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache am 18. März 2020 gesprochen: „Das ist, was eine Epidemie uns zeigt: wie verwundbar wir alle sind, wie abhängig von dem rücksichtsvollen Verhalten anderer, aber damit eben auch: wie wir durch gemeinsames Handeln uns schützen und gegenseitig stärken können.“

Ähnlich äußert sich Papst Franziskus in seiner neuen Enzyklika „Fratelli tutti“. Für einen Moment habe die Covid-19-Pandemie uns bewusst gemacht, dass wir als weltweite Gemeinschaft im selben Boot sitzen und die globale Tragödie uns allen zum Schaden gereicht. Keiner kann sich alleine retten. Der Sturm, der über das Boot gekommen sei, legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt falsche und unnötige Gewissheiten auf, auf die wir gebaut haben. (FT 32). Dennoch sei die Versuchung groß, sich voneinander abzuwenden und abzugrenzen. Ablehnung von Migranten, Missachtung der Menschenrechte, Wettrüsten statt Friedensgespräche, Nationalismus und Rassismus seien kein Weg, um globale Herausforderungen anzugehen. Die Pandemie erforderten wie der Klimawandel weltweite Lösungen. Sie gelängen nur, wenn die Menschheit zu einer neuen Geschwisterlichkeit und globalen Solidarität findet.

Wir feiern Weihnachten. Das Fest der Christgeburt. In diesem Jahr ist vieles anders. Was bleibt ist die Einladung an uns, trotz aller Hygiene- und Abstandsregeln Wege zu finden, Nähe zu zeigen, Einsamkeit zu überwinden, Geborgenheit zu schenken, Herbergen zu öffnen, Wohlstand zu teilen, Armut zu verhindern, Neuanfänge zu ermöglichen und Menschlichkeit zu wagen. Denn so will Gott auch heute Mensch werden.

Sr. Dr. Katharina Ganz
Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen

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