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Schwester Mary Jo Burghduff schreibt über ihren eigenen Mut, als Jugendliche ins Klosterleben aufzubrechen und teilt ihre Gedanken zu Facetten des Mutigseins.

USA. Vor 57 Jahren küsste ich meine Familie zum Abschied und verließ ihre liebevolle Umarmung. Ich stieg in einen Zug mit einem winzigen Pappkarton unter dem Arm, der gerade groß genug war, dass eine Zahnbürste und ein paar Kleidungsstücke hineinpassten. Fast 1.000 Meilen später stand ich, ein 17 Jahre altes Kind mit pickligem Gesicht, auf der Vordertreppe der Villa Maria. Ich wollte Ordensschwester werden.

War das mutig? Womöglich ja; vielleicht nicht. Vermutlich ja. Letztlich war ich nur ein Teenager, gerade mit der High School fertig. Ich hatte nie einen Beruf ausgeübt und war, mit Ausnahme von ein paar Familienausflügen, noch nie so weit weg von zu Hause „in der Welt da draußen“ und weg aus der liebevollen Umarmung meiner Familie.

Das Leben und die Kultur in den Städten an der Ostküste der USA unterscheidet sich wesentlich vom Leben und der Kultur im ländlichen Mittelwesten. Ich hatte zuvor die Gemeinschaft nie besucht oder eine der Schwestern getroffen. Ich kannte keine von ihnen, sie kannten mich nicht. War das also mutig? Womöglich ja; vielleicht nicht. Wenn ich einige Geschichten höre, wie manche Mitschwestern mit ihrer Berufung kämpften oder was einige in ihren Familien aushielten, um ihr Vorhaben umzusetzen, dagegen dann meine Geschichte… meine Geschichte scheint so unbedeutend, vielleicht sogar zu lächerlich, um darüber zu sprechen. Aber sicherlich wünscht sich jede, die ihre Berufung verwirklichen oder einfach nur ihrem Traum folgen möchte, eine Geschichte zu erzählen, was sie durchgemacht hat. Ich war mir nicht sicher, was Gott für mich bedeutete oder wie sich die Dinge entwickeln würden. Ich wusste nur, dass ich es versuchen musste, wenn es das war, was Gott von mir wollte. Ich möchte über Mut schreiben. Das Wörterbuch besagt, dass es die Fähigkeit ist, etwas zu tun, das einem Angst macht. Kraft zu haben angesichts von Angst, Schmerz oder Trauer. Wenn ich an Mut denke, kommt mir sofort das Bild eines tapferen Soldaten vor Augen, der sich auf dem Schlachtfeld auf eine Granate wirft, um seinen Kameraden zu retten. Oder der Feuerwehrmann, der in ein brennendes Gebäude stürmt, um den in eine Decke gewickelten Säugling herauszuholen und ihn seiner Mutter zu übergeben.

Ist Mut angeboren?
Ist Mut etwas, das in uns verwurzelt ist, etwas, mit dem wir geboren wurden, ein Geschenk, das uns von Gott gegeben wurde? Vielleicht ist dieser Samen von Geburt an da. Dann muss dieser Samen, diese mentale und moralische Stärke, entwickelt werden. Der Soldat warf sich auf die Granate – vielleicht war Mut in ihm verwurzelt. Er handelt im Augenblick. Vielleicht ist sein Mut etwas, das schon immer da war, bereit für den einen Moment. Der Feuerwehrmann ist für diesen Moment geschult. Er ist stets bereit für ein solches Handeln, eine solche Tapferkeit. Macht ihm das weniger Angst? Ein Psychologe würde sagen: „Stell‘ dich deiner Angst, sie wird verschwinden.“ Ein Sprichwort lautet: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Unsere liebe Mutter und Gründerin Antonia Werr sagt zu uns – und wie oft haben wir das schon gesungen und gebetet: „Vertraue auf ihn, erführt, er leitet dich.“ Und sie fügte ausdrücklich hinzu „Nur Mut!“ Es scheint, das Vertrauen in Gott und der Mut waren für sie eng miteinander verbunden. Als arme und schwache Wesen, die wir sind, ist es unmöglich, etwas zu erreichen – außer durch die Gnade Gottes.

Mut im Wortsinn
Das englische Wort für Mut („courage“) entstammt dem lateinischen Wort „cor“ (Herz). Die US-amerikanische Autorin Brené Brown deutet es so: „Mit ganzem Herzen die Geschichte von sich selbst erzählen“.

Antonia Werr hatte eine solche Liebe zur Wahrheit, dass sie nichts tun konnte, als sich in Wahrheit für die Mädchen und jungen Frauen einzusetzen. Es gab Zeiten, in denen sie große Angst hatte, aber sie konnte nicht anders, als sich von der Lebenswirklichkeit der Menschen berühren zu lassen*. Dazu hatte Gott sie berufen. Dies war das Herzstück, machte ihre Persönlichkeit aus, zeigte, wer sie war, und Gott würde ihr den nötigen Mut geben.Und nicht zu vergessen: eine der Gaben des Heiligen Geistes ist die Gabe der Stärke. Ein anderes Wort für Stärke ist Mut. In heutiger Zeit stehen wir vor neuen Herausforderungen. Für die Menschen, deren Leben und Wirklichkeiten uns berühren – lasst uns dem Einen vertrauen, der uns führt und leitet. Lasst uns Mut haben – gemäß dem Zitat aus dem Neuen Testament: „Am Pfingsttag versteckten sich die Jünger, fürchteten um ihr Leben und zitterten vor Angst. Dann aber, erfüllt vom Heiligen Geist, begannen sie zu sprechen.“

* Aus dem Sendungsauftrag der Gemeinschaft.

Schwester Mary Jo Burghduff

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