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Von Kutzenberg...
Im Jahr 1905 wurde die Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg als zweite Kreisirrenanstalt in Oberfranken eingerichtet, da die psychiatrische Anstalt in Bayreuth überfüllt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie in eine Lungenheilanstalt umgewandelt. Heute ist sie eine Fachabteilung für Atemwegserkrankungen des Bezirksklinikums Obermain. Der Konvent der Oberzeller Franziskanerinnen in Kutzenberg wurde am 1. März 1924 gegründet und am 13. Mai 2015 aufgelöst. Die ersten Schwestern, die nach Kutzenberg kamen, waren in der Küche und Wäscherei der Anstalt tätig. Ab Mai 1924 stießen dann Krankenschwestern hinzu, die im Laufe der Jahre den größten Teil an Oberzeller Schwestern in der Klinik ausmachten.

Paula K., eine ehemalige Patientin, lebte und arbeitete bis in die 1970iger Jahre in Kutzenberg. Sie hat ihr Leben Sr. Hor-tulana Franz (1902-1981) zu verdanken, die als Krankenschwester von 1926 bis 1978 in Kutzenberg wirkte und die für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit im Februar 1976 sogar mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Sr. Hortulana war diejenige, die Paula unter einer Decke auf dem Dachboden versteckte, als die Nationalsozialisten in der Absicht kamen, sie und andere Patienten abzutransportieren.

Zwischen 1933 und 1945 waren durchschnittlich 600-800 Patienten in Kutzenberg untergebracht, davon ca. 300-500 Frauen. Leiter der Heil- und Pflegeanstalt war der Psychiater Josef Lothar Entres, ein überzeugter Katholik, der von der NSDAP nach Kutzenberg zwangsversetzt wurde. Nicht nur mit „Verlegungen“ von Patienten in den Jahren 1940/41 hatte der Anstaltsleiter und die Oberzeller Schwestern zu kämpfen, sondern auch mit der schwierigen Ernährungssituation. Dadurch aber, dass die Anstalt in einem parkähnlichen Gelände lag, konnten die Schwestern Gemüse und Kartoffeln anbauen und somit die geringen Essensrationen ein wenig vergrößern.

...nach Paris
Anfang dieses Jahres kam Heinz Becker, der ehemalige Bereichsleiter der Tagesförderstätte für Menschen mit Behinderungen in Bremen-Osterholz, ins Archiv Kloster Oberzell. Er wollte im Rahmen seiner für 2020 geplanten Veröffentlichung „Die große Welt und die kleine Paula. Eine Geschichte der Behinderung“ in den Unterlagen über Kutzenberg forschen. Es konnten ihm vor allem Archivalien zur Gründung des Schwesternkonvents in Kutzenberg, Zeitungsartikel, Schwesternverzeichnisse und Jubiläumsschriften vorgelegt werden. Auffällig war, dass es zwischen 1942 und 1945 keinerlei Aufzeichnungen über den Konvent gab. Besonders gefreut hat ihn, dass er Sr. Sixta Zirkelbach, die letzte Oberin von Kutzenberg, sprechen konnte. Sie gab ihm gerne Auskunft über „Paulchen“, wie sie in Kutzenberg damals genannt wurde.

Fast 30 Jahre lang begleitete Heinz Becker Paula in Bremen bis zu ihrem Tod im Jahr 2014 und gewann daher einen tiefen Einblick in ihr Leben. Ihm hat sie auch immer wieder die Geschichte von ihrer Lebensretterin Sr. Hortulana erzählt. Ab 1988 lebte Paula im Betreuten Wohnen des ASB in Bremen und arbeitete in oben genannter Tagesstätte. Im Blaumeier-Atelier, einem Bremer Kunstprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung, nahm sie an verschiedenen Theaterproduktionen teil. Im Jahr 2002 hatte sie dann sogar die Möglichkeit, eine Hauptrolle in der Komödie Verrückt nach Paris zu spielen. Dieser Film, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, handelt von drei behinderten Menschen, die in einem Bremer Heim leben, sich eine Auszeit vom Heim gönnen wollen und über Umwegen in Paris landen.

Christine Hagedorn

 

Lit.:
AKO 6041 Kutzenberg.
https://www.gebo-med.de/standorte/bezirksklinikum-obermain [Stand: 16.04.2020]
http://heinz-becker-bremen.de/veroeffentlichungen/ [Stand: 02.03.2020]
https://www.asb-bremen.de/news/langjaehriger-bereichsleiter-heinz-becker-scheidet-aus-dem-berufsleben-aus [Stand: 02.03.2020]
https://www.weser-kurier.de/region_artikel,-Paula-Kleine-stirbt-mit-85-Jahren-_arid,841052.html [Stand: 02.03.2020]
Zenk, Alfons: Die oberfränkische Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg, in: Cranach, Michael von / Siemen, Ludwig (Hrsg.): Psychatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, München 22012, S. 123-142.

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