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Weil in ihrer Nachbarschaft eine Fliegerbombe entschärft wurde gastierten die Karmelitinnen aus Himmelspforten eine Nacht lang in Oberzell.

Es ist Freitag, 6. März 2020, um kurz nach 17 Uhr. Der Norbertussaal ist für den diesjährigen Weltgebetstag der Frauen hergerichtet. In einer halben Stunde soll das Abendessen mit dem Mutterhauskonvent beginnen und um 19 Uhr der Gottesdienst in Verbundenheit mit den Frauen in Simbabwe und in aller Welt anfangen.

Mein Telefon klingelt. Schwester Reingard Memmel meldet sich und sagt mir, dass ein Herr vom Roten Kreuz mich dringend sprechen möchte. Noch bevor ich mich wundern kann, habe ich ihn schon in der Leitung: Bei Bauarbeiten in der Zellerauer Weißenburgstraße wurde eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Nun steht die Evakuierung der Umgebung an, vermutlich im Laufe der nächsten Stunden oder auch erst in der Nacht. Weil das Kloster Himmelspforten im Gefahrenbereich liegt, werden wir gebeten, die zehn Klausurfrauen aus dem Karmel vorübergehend bei uns aufzunehmen. Ich muss nicht überlegen und sage sofort zu. Kaum habe ich aufgelegt, klingelt das Telefon erneut und am anderen Ende meldet sich Schwester Johanna, die Priorin von Himmelspforten. Ich teile ihr mit, dass ich bereits unterrichtet bin und sie gerne kommen können. Ich gebe Schwester Johanna meine Handynummer und sehe noch nach, welche Gästezimmer frei und hergerichtet sind. Zu Beginn des Abendessens informiere ich den Mutterhauskonvent. Die Überraschung ist groß und ebenso die Hilfsbereitschaft, nach dem Essen mitzuhelfen, die benötigten Betten zu beziehen. Vor Beginn des Gottesdienstes meldet sich nochmals Schwester Johanna und teilt mir mit, dass sie bezüglich der Evakuierung keine neuen Nachrichten hat. Ich sage ihr, dass die Betten bezogen sind. Am anderen Ende der Leitung höre ich ein Lachen.

Auf Abruf bereit
Zu Beginn des Weltgebetstages werden alle Besucherinnen aus den Oberzeller Konventen und von außerhalb willkommen geheißen und darauf hingewiesen, dass ein eventueller Telefonanruf während der Feier nicht aus Simbabwe kommt, sondern aus nächster Nähe mit weiteren Informationen zur Evakuierung. „Steh auf und geh‘!“, unter diesem Motto feiern wir die schön gestaltete Liturgie der Frauen aus Simbabwe. Nach dem Gottesdienst sind alle zum Verweilen bei Gesprächen, Tee und Kuchen eingeladen. Kaum sind die letzten Sätze gesagt, klingelt das Handy und es meldet sich diesmal ein Mitarbeiter der Malteser: „Jetzt geht die Evakuierung los, aber bis wir zu Ihnen kommen dauert es noch eine halbe Stunde.“ Eine Besucherin, die von der ganzen Aktion erst zu Beginn unseres Gottesdienstes gehört hat und deren Mutter in der Zellerau wohnt, verabschiedet sich daraufhin sofort. Bis 21 Uhr sind alle Gäste nach Hause aufgebrochen. Die Vorfreude auf den ungewöhnlichen Besuch steigt und das Warten zieht sich hin. Weitere Informationen bleiben aus. Wir bringen den Tee und Kuchen in die Cafeteria. Im Wechsel steht immer ein Grüppchen von Schwestern vor dem Hauptportal, die anderen, während sie sich aufwärmen, spähen durch das Fenster der Cafeteria, ob denn nicht endlich ein VW-Bus der Malteser oder vom Roten Kreuz kommt. Keine Mitschwester will trotz der vorgerückten Stunde ins Bett gehen.

Es ist fast 22 Uhr als, mein Handy wieder klingelt: „Jetzt sind wir mit den Karmelitinnen gleich bei Ihnen.“ Kurz darauf fährt ein VW-Bus durch das Tor herein. Das Team der Malteser*innen ist ein kleiner Trupp junger Leute, trotz ihres späten Einsatzes bestens gelaunt. Hinten im Bus sitzen zwei alte Schwestern mit ihren Rollatoren. Auf unseren Willkommensgruß lächeln sie uns zuversichtlich entgegen. Sie werden von einer jüngeren Schwester begleitet. Alle anderen Karmelitinnen sind versehentlich im Antoniushaus gelandet und dort schon ausgestiegen. Sie haben sich in Begleitung des Hilfsdienstes bereits zu Fuß auf den Weg zum Mutterhaus gemacht. Während die ersten Karmelitinnen in die Cafeteria begleitet werden und die Malteser*innen zur Stärkung einen Kuchen auf die Hand bekommen, gehe ich den anderen entgegen und sehe sie in der Dunkelheit bereits die Ampel überqueren. Es sind sieben weitere Schwestern – alle mit einem kleinen Gepäckstück. „Steh auf und geh‘!“, denke ich. Zwei Malteser in Warnwesten sichern die kleine Gruppe auf ihrem ungewöhnlichen, nächtlichen Gang.

Nächtliche Begegnung
Es ist unklar, ob eine Rückkehr nach Himmelspforten im Lauf der Nacht möglich ist. Bevor sich die Hilfskräfte verabschieden, stellen wir daher klar, dass die Schwestern aus Himmelspforten in Oberzell übernachten, weil die Betten bezogen sind. Die Rettungskräfte sollten besser erst diejenigen nach Hause fahren, die irgendwo in Turnhallen sitzen. Schließlich befinden wir uns alle in der Cafeteria. Die anfängliche Befangenheit weicht schnell der Freude über die Begegnung. Tee und Kuchen werden herumgereicht. Schwester Vianney Schneider kennt einige der Schwestern noch aus ihrer Zeit im Exerzitienhaus. Die Schwestern aus Himmelspforten erzählen von ihrem etwas aufregenden Nachmittag. Auf die Frage, wann sie denn am nächsten Morgen wohl abgeholt werden, entgegne ich, dass dies auf keinen Fall vor dem Frühstück sein wird, weil wir vorher das Tor nicht öffnen. Darüber müssen alle lachen.

Nach einer Stunde macht sich dann doch Müdigkeit bemerkbar. Wir ermutigen die Schwestern, am nächsten Morgen auszuschlafen und mit uns um 8 Uhr zu frühstücken. Damit sind sie einverstanden. Wir beten gemeinsam das „Nunc dimittis“ und begleiten sie zu ihren Zimmern. Am nächsten Morgen haben wir beim Frühstück weitere angeregte Gespräche. Uns interessiert, ob die Klausurfrauen den Bischof über die vorübergehende Aufhebung der Klausur unterrichten mussten. Wir erfahren, dass sie dies selbst entscheiden können. In einem Notfall kann die Klausur jederzeit aufgehoben werden.

Klosterführung auf Wunsch
Schwester Margit Herold bietet an, die Schwestern in kleinen Gruppen nach Hause zu fahren. Dieses Angebot nehmen die Karmelitinnen gern an. Einige verabschieden sich gleich nach dem Frühstück mit herzlichem Dank. Mit den anderen besuchen wir noch die Kirche. Am Grab von Antonia Werr bemerken die Schwestern, dass Mutter Antonias Geburtstag auf den Gedenktag von Johannes vom Kreuz fällt und freuen sich über diese Verbindung. Besonders die Anbetungskapelle gefällt ihnen sehr und gemeinsam verweilen wir in Stille. Eine Schwester flüstert mir beim Verlassen zu: „Mein Herz bleibt hier!“

Später erzählte Sr. Reingard, dass die Feuerwehr in den frühen Morgenstunden an der Pforte gewesen sei, um die Schwestern abzuholen. „Die frühstücken aber erst um acht“ erklärte sie ihnen, und deshalb blieb das Tor geschlossen.

Am darauf folgenden Montag erhielten wir einen wunderbaren Frühlingsstrauß, der die ganze Woche an der Stele im Eingangsbereich stand. Mit dabei waren Pralinen und ein herzlicher Dankesbrief der Schwestern aus Himmelspforten. Was für eine schöne, ungeplante Begegnung. Wenn ich daran denke, freue ich mich jedes Mal aufs Neue!

Sr. Rut Gerlach

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