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„Nun jauchzt dem Herren alle Welt, kommt her, zu seinem Dienst euch stellt“. Diesen Hymnus haben wir am Beginn des Requiems für Sr. Aveline gesungen. Das ist ungewöhnlich für eine Beerdigung, aber zu unserer verstorbenen Schwester Aveline passt er. Ihr Leben lang hat sie sich mit Gesang und Musik, mit Handarbeitsunterricht und Orgelspielen in Gottes Dienst gestellt.

„Kommt mit Frohlocken, säumet nicht, kommt vor sein heilig Angesicht“. Ihren Eintrittstag im Kloster Oberzell hatte Schwester Aveline auch als „Komm-Tag“ bezeichnet. Nun hat Gott ihr nur drei Tage, nachdem sie vor 75 Jahren in unsere Gemeinschaft gekommen war, am 30. Juni im Alter von fast 96 Jahren zugerufen: „Komm, mit Frohlocken, säume nicht, komm‘ für immer vor mein heilig Angesicht.“

Dieser Stimme schien sie freudig gefolgt zu sein. So flott wie sie bis ins hohe Alter noch unterwegs war, so rasch ist sie auch gestorben. Am Vormittag war sie ins Krankenhaus eingeliefert worden, am Nachmittag hatte sie den Heimweg schon angetreten und die Schwelle zum anderen Leben überschritten. Lächelnd lag sie im Sarg, also ob ihr dieser Schritt nicht schwer gefallen sei.

Geboren wurde sie am 28. Juli 1924 in Ebertshausen im Landkreis Schweinfurt und zwei Tage später auf den Namen Johanna getauft. Ihre Eltern Bonifaz und Maria Zehner hatten eine Landwirtschaft. Dort wuchs sie mit ihren drei Geschwistern auf.

Von 1931 bis 1938 besuchte Johanna die Volksschule und anschließend bis 1940 die ländliche Berufsschule in Ebertshausen. Danach half sie im elterlichen Betrieb mit. Schon als Schulkinder im Alter von 10 / 11 Jahren bekamen sie und ihre Schwester Delphine von Pfarrer Brauburger zunächst Klavierunterricht. Er führte sie in die Harmonielehre und in das Orgelspiel ein. Sie erwähnte einmal: „Der Herr Pfarrer hat uns gedrillt. Das Gesangbuch wurde hingestellt und wir mussten die Begleitung selbst dazu machen. Er wachte darüber, dass wir regelmäßig übten, denn das Pfarrhaus stand neben unserem Elternhaus.“

Mit ungefähr zwölf Jahren hatte Johanna ihren ersten Auftritt an der Orgel bei einer Nachmittagsandacht in der Kirche. Später wurden sie und ihre Schwester zum Orgelspielen auch in die umliegenden Ortschaften geschickt, weil die Lehrer, die dort den Orgeldienst versehen hatten, im Krieg waren.

Mehrere Jahre im Winter besuchte Johanna die Handarbeitsschule bei unseren Schwestern in ihrem Heimatdorf. Gerne erzählte Schwester Aveline ihre Berufungsgeschichte. An einem Samstag habe die damalige Oberin des Konvents von Ebertshausen sie im Frühjahr 1945 beim Straßenkehren angesprochen: „Der Krieg ist zu Ende. Jetzt können wieder Mädchen ins Kloster gehen.“ Sofort habe sie den Besen liegen gelassen, sei zu ihrer Mutter ins Haus gerannt, habe ihr ausgerichtet, was die Oberin gesagt hatte und erklärt: „Ich gehe ins Kloster.“ Mit dem Einverständnis ihrer Eltern machte sie sich wenige Wochen später am 27. Juni mit dem Leiterwagen auf den Weg nach Oberzell und trat in unser Kloster ein.

Die damalige Organistin Schwester Godeberta förderte Johanna weiter und meldete sie später zur Orgelprüfung an, die sie 1956 vor dem Bischöflichen Ordinariat Würzburg mit Erfolg ablegte.

Als Kandidatin besuchte Johanna 1947 den Sonderlehrgang für Handarbeitslehrerinnen im Kloster Oberzell und bestand erfolgreich die Prüfung. Von da an durfte sie an Volks- und Berufsschulen Handarbeitsunterricht erteilen.

Nach ihrer beruflichen Ausbildung wurde Johanna im Oktober 1947 eingekleidet und erhielt den Namen Schwester M. Aveline. Nach dem einjährigen Noviziat legte sie 1948 die Erstprofess und drei Jahre später die Profess auf Lebenszeit ab.

Gleich nach ihrer zeitlichen Profess wurde Schwester Aveline ab 1948 in Oberschwarzach als Handarbeitslehrerin und Organistin eingesetzt. Dort hatte sie es mit musikalischen Pfarrern und einem großen Kirchenchor zu tun. Nach 39 Jahren Unterricht schied sie mit 65 Jahren 1989 aus dem Schuldienst aus. Daneben war Schwester Aveline seit 1979 Oberin des Schwesternkonventes und weiterhin Organistin in Oberschwarzach und elf dazu gehörigen Filialkirchen.

Im September 1992 wurde die Filiale in Oberschwarzach aufgelöst, wo Schwester Aveline 44 Jahre gewirkt hatte. In zahlreichen Kondolenzbriefen haben viele Menschen ausgedrückt, wie wichtig das Schwesternhaus in der Pfarrei war, dass man dort jederzeit ein- und ausgehen konnte und die Gemeinschaft sehr gut zusammenhielt.

Die Versetzung ins Mutterhaus fiel Schwester Aveline anfangs schwer. Auch hier wurden ihr der Orgeldienst und der Schwesternchor anvertraut. Sie war verantwortlich für die Gestaltung der Liturgie, die Vorbereitung großer Feste und die Einteilung der Organistinnen im Mutterhausbereich.

Außerdem sorgte sie jahrelang für den Blumenschmuck in der Klosterkirche und Sakramentskapelle. Ihre übrige Zeit verbrachte Schwester Aveline im Nähzimmer, wo sie Kleidungs- und Wäschestücke ausbesserte.

Daneben bastelte sie gern, schmückte zu Festen das Kloster mit entsprechenden Symbolen und versah die Gottesdienstordnung mit passenden Sprüchen oder Bildchen. Zu Geburts- und Namenstagen erfreute sie die Schwestern mit kleinen Überraschungen.

Mit Leib und Seele war Schwester Aveline Organistin. Insgesamt 84 Jahre lang spielte sie die Königin der Instrumente: 13 Jahre in Ebertshausen und in den Filialkirchen, 44 Jahre in Oberschwarzach und Umgebung und 27 Jahre hier im Kloster Oberzell. Erst letztes Jahr wurde sie in der Würzburger Residenz für dieses jahrzehntelange Engagement von Ministerpräsident Markus Söder empfangen und geehrt.

Weil ihr Augenlicht in der letzten Zeit nachgab, musste sie das Orgelspielen schließlich ganz einstellen. Daraufhin befragt, ob ihr dies nichts ausmache, konterte sie nur: „Wieso, ich habe doch lange genug gespielt!?“

Schwester Aveline sah ihren Dienst als Gottesdienst und wollte zum Aufbau der Gemeinde beitragen. Das Üben und regelmäßige Spielen der Orgel hatte sie auch jung gehalten. Neugierig, lebendig und spontan wie sie war, probierte sie neue Lieder oder Orgelstücke sofort aus. Als das neue Gotteslob eingeführt wurde, überraschte sie immer wieder damit, dass sie die Lieder schon kannte, obwohl noch niemand mitsingen konnte. Zu ihren Lieblingskomponisten zählte Johann Sebastian Bach. So bestand ihr Repertoire von klassischer Orgelliteratur bis zu traditionellem und neuem geistlichen Liedgut. Offen war Schwester Aveline auch für Konzerte und genoss es, wenn andere Organisten, Chöre oder Orchester in unserer Kirche auftraten. Dann vertauschte sie den Platz auf dem Orgelbock auch einmal mit der Kirchenbank oder einem Stuhl auf der Empore.

Aufgeschlossen und interessiert verfolgte Schwester Aveline alles, was in Kirche und Welt passierte. Wach und aufmerksam verfolgte sie die Nachrichten und bildete sie sich eine eigene Meinung. Auch im Konventsleben hielt sie mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg, sondern hinterfragte manche Anordnung oder Verhaltensweisen ihrer Mitschwestern.

Für ihre Spontaneität und Unerschrockenheit steht eine Anekdote, die sich während ihres Urlaubs in Miesbach vor vielen Jahren zugetragen hat. Mit ihrer Mitschwester Brunhilde beschloss sie, einmal nach München zum Oktoberfest zu fahren. Dort hatte ein Bekannter eine Wette abgeschlossen. Er bekäme 100 DM, wenn er innerhalb einer Stunde eine Ordensschwester auftreibe, die das Oktoberfest-Orchester dirigiere. Er sprach Schwester Aveline an, die kurzentschlossen einwilligte, und die Wette war gewonnen.

Körperlich gesund, geistig rege, bodenständig und pragmatisch, fleißig und ganz und gar nicht selbstverliebt war Schwester Aveline bis ins hohe Alter. Bei einer Visitation gestand sie mir einmal: „Schwester Katharina, ich sage Dir, mit 90 fängt es an.“ Da musste ich laut lachen und empfahl ihr: „Schwester Aveline, Du solltest Gott bis an Dein Lebensende jeden Tag danken, dass es erst mit 90 angefangen hat!“

Erst in den letzten Jahren ließen ihre Kräfte allmählich nach. Das Gehör und besonders ihre Augen machten ihr zu schaffen. Mit der Zeit wurde sie weniger impulsiv, sondern ruhiger und bedächtiger.

Nur einige Tage vor ihrem Tod ging es ihr nicht so gut. Am Vormittag des 30. Juni kam sie mit Lungenentzündung und schlechten Blutwerten ins Juliusspital. Sie starb nur wenige Wochen vor Vollendung ihres 96. Lebensjahres. Schwester Aveline hat ihrem Ordensnamen alle Ehre gemacht. Leidenschaftlich wie ein Vogel (von lat. „avis“) hat sie zum Lob Gottes gesungen und gespielt, wie das Wasser (von germanisch „ava“) lief sie fröhlich, zuversichtlich und leichtfüßig ihren Weg und wie Eva (von hebräisch „Havva") schenkte und empfing sie Leben in Fülle.

So bleibt uns, nur mit dem Psalmist zu singen:

„Die ihr nun wollet bei ihm sein, kommt, geht zu seinen Toren ein / mit Loben durch der Psalmen Klang, zu seinem Hause mit Gesang.

Dankt unserem Gott, lobsinget ihm, / rühmt seinen Namen mit lauter Stimm; / lobsingt und danket allesamt. Gott loben, das ist unser Amt.“ (GL 144, 4+5)

Sr. M. Katharina Ganz
Generaloberin

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