headeroberzell

Evas Vertreibung aus dem Paradies prägt unser Frauenbild tiefer, als uns oft bewusst ist. Zeit für einen neuen Blick.

Eva versteckt sich. Sie hat vom Baum der Erkenntnis gegessen. Jetzt sieht sie klar: Sie ist nackt. So will sie niemandem unter die Augen treten. Vor dem Biss war alles anders. Solange Eva ihre Situation nicht begriffen hat, solange ihre Ungeschütztheit normal war, hatte sie keinen Grund, sich zu verstecken. Solange Frauen weder in der Familie noch im Staat, noch in der Kirche Männern gleichgestellt waren, solange sie nirgendwo Stimmrecht hatten, solange sie ohnehin im Schatten der Männer lebten, mussten sie sich wenigstens nicht dafür schämen. Es hat sie auch so genug gekostet.

Paradoxerweise wird es durch die Erkenntnis zunächst nicht besser. Als Eva ihre Situation begreift, fühlt sie erst einmal: Scham. Für Frauen in der Kirche gilt: Je mehr Rechte sie im Staat erhalten, je selbstverständlicher sie gleichberechtigt mit ihren Brüdern aufwachsen, Schulen und Universitäten besuchen, Berufe ergreifen und mit Männern im öffentlichen wie privaten Leben auf Augenhöhe leben, desto peinlicher wird es für sie, zu einer Kirche zu gehören, in der ihnen das Los beschieden bleibt, Männern bestenfalls zuarbeiten und zuhören zu dürfen. Das gilt umso mehr für Theologinnen, die auch fachlich klar sehen, dass die lehramtlichen Begründungen für die Ausgrenzung von Frauen nichts als Scheinargumente sind. Aus Scham versteckt Eva sich.

Eine Frau, die man auf ihre Kirche anspricht, verhält sich nicht selten ähnlich. Findet sie einfach ganz schlimm das alles. Unmöglich. Das dürfte heute nicht mehr so sein, gibt sie zu Protokoll, bevor sie das Thema wechselt. Oder sie verschließt wie ein kleines Kind die Augen, in der Hoffnung, dass sie dann nicht mehr so nackt dasteht. Frauen hätten ja schon viel erreicht. Sie dürfen Theologie studieren und sogar unterrichten und in der Pastoral arbeiten und überhaupt: Sogar Bischöfe sagen heute, dass Frauen zukünftig vermehrt in Leitungsämter kommen sollen. Sobald die Frau die Augen öffnet, sieht sie sich mit der unabweislichen Realität konfrontiert: Auch Frauen, die sogenannte Leitungsämter in der Kirche innehaben, bleiben durch die Bank von männlichem Wohlwollen abhängig. Ämter und Lehrerlaubnisse bekommen nur Frauen, die sich an die nicht selten willkürlich festgelegten Regeln von Kirchenmännern halten, während das zentrale kirchliche Machtinstrument, die Weihe- und Jurisdiktionsgewalt, ihnen auch vom vermeintlich liberalen Franziskus und von den größten Frauenverstehern im Episkopat verwehrt wird.

Zum gesamten "Die Zeit" Gastbeitrag von Theologin und Publizistin Doris Reisinger (Weiterleitung zur Internetseite www.zeit.de)

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