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Der Missbrauch von Ordensfrauen in der katholischen Kirche ist ein schweres Problem, auch in Form von Macht- und Gewissensmissbrauch. Das sagte Papst Franziskus am Freitag, 10. Mai, rund 850 Ordensoberinnen aus aller Welt, die er im Vatikan empfing. Im Gespräch mit ihnen erklärte er sich dazu bereit, in drei Jahren an der nächsten Vollversammlung der Generaloberinnen teilzunehmen, was eine Neuheit wäre. Sollte er nicht mehr am Leben sein, bat er die Oberinnen, so mögen sie die Einladung an seinen Nachfolger richten.

Der Dienst von Ordensfrauen solle wirklich Dienst sein und nicht Dienstbarkeit, wiederholte Franziskus eine Aussage, die er bereits mehrmals getroffen hatte. „Du bist nicht Ordensfrau geworden, um Haushälterin eines Klerikers zu sein: nein. Alle zusammen: Dienstbarkeit nein, Dienst ja. Du arbeitest in einem Dikasterium, als Verwalterin einer Nuntiatur, das ist in Ordnung. Aber Haushälterin – nein.“ Noch nicht überall in der Kirche ist diese Haltung nach Einschätzung von Papst Franziskus angekommen: „Helfen wir uns gegenseitig“, bat er die Ordensoberinnen.

Was die Frage des sexuellen Missbrauchs anbelangt, sagte der Papst den Oberinnen, einige Opferverbände seien unzufrieden mit den Ergebnissen des vatikanischen Kinderschutzgipfels im Februar gewesen. „Ich verstehe sie, weil sie innerlich leiden“, erklärte Franziskus. „Ich habe gesagt, hätten wir 100 des Missbrauchs schuldige Priester auf dem Petersplatz aufgehängt, wären alle zufrieden gewesen, aber das Problem wäre nicht gelöst. Die Probleme im Leben werden mit Prozessen gelöst, nicht indem man Raum besetzt.“ Das Problem des Missbrauchs könne in der Kirche nicht von einem Tag auf den anderen gelöst werden, aber der Prozess sei begonnen.

Mit Spannung erwartet worden war das Treffen zwischen Papst und Generalsuperiorinnen vor allem deshalb, weil bei ihrer letzten Begegnung vor drei Jahren die Rede auf den Frauendiakonat gekommen war. Franziskus setzte eine Kommission ein, die den historischen Dienst von Diakonissen in der frühen Kirche untersuchte und somit die Grundlage für eine Entscheidung darüber erarbeiten sollten, ob der Frauendiakonat in Zukunft wiedereingeführt werden könnte. Das Gesamtergebnis der Kommission sei „kein großer Wurf“, sagte der Papst den Oberinnen an diesem Freitag geradeheraus. Die zwölf Mitglieder hätten sich am Ende nicht einigen können, „jeder hatte eine eigene Vorstellung“. Ihm lägen auch die persönlichen Einschätzungen der Kommissionmitglieder vor, einige fortschrittlicher, die anderen traditioneller. „Man muss das studieren, denn ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage.“ Er werde das Dokument der Frauendiakonats-Kommission der Vorsitzenden der Vereinigung der Ordensoberinnen, Carmen Sammut, überreichen. Sollte jemand an den Einzeleinschätzungen der Kommissionsmitglieder interessiert sein, könne er sie zur Verfügung stellen, so Franziskus.

Versuchen zu verstehen, was die Menschheit heute braucht

Die deutsche Generaloberin Schwester Katharina Ganz führte die Frage nach dem Diakonat weiter und wollte vom Papst wissen, welche Antworten sich heute, im 21. Jahrhundert, auf das Verlangen vieler Frauen finden ließen, die dem Volk Gottes „mit denselben Rechten dienen“ wollten. Es sollten „nicht nur historische und dogmatische Quellen“ herangezogen werden, „versuchen wir zu verstehen, was die Menschheit heute braucht, von den Frauen, von den Männern, vom ganzen Volk Gottes“.

Franziskus antwortete, die Kirche könne nicht die Offenbarung verändern, wohl aber entwickle sich die Offenbarung mit der Zeit. „Und wir verstehen mit der Zeit den Glauben besser“. Deshalb „müssen wir im Fall des Diakonats nachforschen, was am Ursprung der Offenbarung war, und wenn da etwas war, es wachsen lassen, und dann soll es auch ankommen; wenn da nichts war, wenn der Herr dieses Amt nicht wollte, dann geht der sakramentale Dienst für die Frauen nicht.“ Aus diesem Grund brauche es den Rückgriff auf die Geschichte und auf die Dogmatik. „Die Kirche ist nicht nur der Denzinger“, hielt der Papst fest, das Lehrbuch sei hilfreich, „weil die ganze Dogmatik drinsteht, aber wir müssen andauernd wachsen“. Als Beispiel verwies Franziskus auf die Haltung der katholischen Kirche zur Todesstrafe. „Hat sich die Kirche verändert? Nein: das moralische Bewusstsein hat sich weiterentwickelt. Eine Entwicklung.“

Zu Beginn der Audienz holte der Papst die Präsidentin der Ordensoberinnen-Vereinigung zu sich aufs Podium, sodass beide nebeneinander am Tisch saßen. Franziskus ließ dabei eigens seinen gepolsterten Sessel gegen einen einfacheren austauschen. Am Ende der Audienz erklärte er, er wolle an der nächsten Vollversammlung der Ordensoberinnen teilnehmen. „Wenn ich am Leben bin, gehe ich hin“, sagte der Papst unter dem Applaus der Superiorinnen. „Und im gegenteiligen Fall erinnert meinen Nachfolger daran. Er soll dasselbe tun.“

Gudrun Sailer - Vatikanstadt
(vatican news)

Weiterführende Links
Video der Papstaudienz vom 10.05.2019
Berichterstattung bei Vaticanews 10.05.2019
Katholisches. Magazin für Kirche und Kultur am 11.05.2019
Interview mit der Würzburger Main-Post vom 14.05.2019
VOICES OF FAITH 14.05.2019
Interview mit der Würzburger Main-Post vom 15.05.2019

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