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2016 begann Schwester Teressa Zungu von den südafrikanischen Holy Childhood Sisters, Nähkurse für Frauen aus der Umgebung Eshowes anzubieten. Heute ist es ein Großprojekt, unterstützt mit deutschen Fördergeldern.

Sipho Makhanya läuft von einer Nähmaschine zur nächsten. Um ihn herum rattern Nadeln, Frauenstimmen schnattern durcheinander. Prüfend hält er ein Paar Shorts hoch, fährt mit den Fingern über die Naht, begutachtet das Ergebnis. „Gute Arbeit“, sagt der 51-jährige zu Nqobile, einer jungen Frau aus Vryheid. Gemeinsam mit 17 weiteren Frauen aus allen Ecken des Zululands ist sie für eine Woche nach Eshowe gekommen, um im Development Centre ihren Nähkurs zu beenden. Drei Monate lang hat sie Schnittmuster entworfen, den Umgang mit verschiedenen Stoffen gelernt, mobile und industrielle Nähmaschinen bedient. Sie hat Kleider und Hosen, Schuluniformen und Trainingsanzüge genäht. Heute wird sie bis spät in die Nacht arbeiten, um ihr Gesellenstück fertigzubekommen: ein schwarzes Sommerkleid mit Leopardenmuster. „Jede Teilnehmerin soll nach dem Kurs fähig sein, selbst unterschiedliche Kleidungsstücke zu gestalten und zu nähen“, sagt Sipho.

Das Projekt reist
Dass der gelernte Schneider sein Wissen im Nähprojekt teilt, hat viel mit Schwester Teressa Zungu zu tun. Die Franziskanerin warb ihn vor zwei Jahren als Ausbilder in Vryheid an. Damals reiste sie kreuz und quer durch die Provinz, um Mitstreiter*innen für ihre Idee zu finden. Sie selbst begann bereits 2016, Nähkurse für Frauen aus der Umgebung von Eshowe anzubieten – und merkte bald, wie groß das Interesse und das Potenzial war. Manche Frauen reisten mehr als 200 Kilometer weit, um an einem Kurs teilzunehmen. „Es stellte sich aber heraus, dass der Aufwand und die Kosten für viele zu hoch waren“, sagt Schwester Teressa. „Deshalb fingen wir an, vor Ort Kurse zu starten.“ Dieser Outreach-Ansatz kostet Geld: Nähmaschinen mussten angeschafft, Räume gemietet werden. Hinzu kamen Benzinkosten und Aufwandsentschädigungen für die Ausbilder. „Wir brauchten Hilfe, um das Projekt auf eine neue Stufe zu heben“, sagt die Ordensfrau.

Gefunden hat sie diese Hilfe bei der deutschen Organisation Yebo Zululand Initiativen und dem Internationalen ländlichen Entwicklungsdienst (ILD). Mit Fördermitteln und Spenden unterstützen sie das Projekt; bis heute sind zehn Außenstellen im gesamten Zululand entstanden. „Der Samen, den Schwester Teressa vor vier Jahren gepflanzt hat, ist zu einem starken Baum gewachsen“, sagt Edeltraud Parensen, Gründerin von Yebo Zululand. Mehr als 300 Frauen haben laut der Bad Driburgerin bis zum heutigen Tag an Nähkursen teilgenommen. Einige gründen in ihren eigenen Gemeinden neue Initiativen, um ihr Wissen weiterzugeben. Parensen spricht von einem Schneeballeffekt, der das Projekt größer werden lässt. „Das soziale Miteinander bedeutet für die Frauen eine wertvolle Stütze zur Bewältigung ihres Alltags“, sagt Parensen. „Außerdem können sie mit Hilfe der Ausbildung zum Unterhalt ihrer Familien beitragen.“ Zahlende Kund*innen finden die Frauen vor allem bei Schulen auf dem Land: In Südafrika herrscht eine riesige Nachfrage nach Uniformen, die Kinder ab der ersten Klasse tragen müssen – nicht nur im Unterricht, sondern auch beim Sport oder Schulveranstaltungen. „Wichtig ist, dass die Frauen selbst mithelfen, Aufträge zu akquirieren“, sagt Schwester Teressa. „Wir unterstützen sie, geben ihnen Flügel. Aber am Ende müssen sie selbst fliegen lernen.“

Vertrauen zurückzahlen
„Wir helfen uns gegenseitig“, bestätigt Nolwandle Nxumalo, die seit einigen Jahren Teil des Nähprojekts ist. Ihr liegt am Herzen, dass Frauen wie sie selbst durch das Projekt aus der Arbeits- und Tatenlosigkeit herausgeholt werden. „Das Leben im Zululand ist schwierig. Viele Menschen sind arm und sitzen den ganzen Tag zu Hause, weil sie nichts gelernt haben und niemand an sie glaubt“, sagt die 52-Jährige. Als einige Frauen ihre Zertifikate überreicht bekommt, hält sie eine flammende Rede, in der sie den Verantwortlichen und Förder*innen des Nähprojekts für ihr Engagement dankt – und ihrerseits verspricht, das Vertrauen zurückzuzahlen. „Ich werde jeder Frau einen Schubs in die richtige Richtung geben, wenn sie geschubst werden will“, erklärt Nolwandle. Sobald die Nähmaschinen wieder rattern, lässt sie ihren Worten Taten folgen. Sie teilt ihre Erfahrungen mit Neuankömmlingen, hilft bei der Akquise zahlender Kund*innen und unterstützt die Frauen bei alltäglichen Problemen.

In Zukunft wird ihr Engagement noch häufiger gebraucht werden. Im Februar wurde das mit ILD-Mitteln geförderte „Innovation Center“ in Eshowe eröffnet, in dem bald regelmäßig Workshops stattfinden sollen. Teilnehmerinnen aus allen Gruppen kommen dort zusammen, um neue Techniken zu lernen und sich untereinander auszutauschen. Teil der Feierlichkeiten zur Eröffnung war die Segnung der Räumlichkeiten durch Bischof Xolelo Thaddeus Kumalo sowie Grußworte der deutschen Förder*innen. Zur Eröffnung eingeladen ist auch Sipho Makhanya. Gemeinsam mit seinen Studentinnen hat er eine Modenschau organisiert, in der die Frauen ihre selbst genähten Kleider einem großen Publikum präsentieren dürfen. Stolz schreiten sie über den improvisierten Laufsteg, ein Traum in blau, ein Leopardenfell, ein pinker Farbklecks. Sipho lacht und hebt den Daumen, als er die Ergebnisse seiner monatelangen Arbeit betrachtet. Ein Hauch von Haute Couture, mitten im afrikanischen Zululand.

Daniel Scharnagl
Journalist

 

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