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Nicht jeder Neubeginn ist frei gewählt. Oft werden wir zu einem Neubeginn gezwungen, weil das Alte nicht mehr trägt. Hinter geflüchteten Menschen liegen unfassbar viele Neuanfänge.

Wie oft in meinem Leben habe ich etwas Neues begonnen? An welche Momente des Neuanfangs denke ich, wenn ich kurz innehalte? Nach einem Scheitern einen Neuanfang wagen. Neu – ohne „Altlasten“ – auf einen Menschen zugehen und einen gemeinsamen Neuanfang versuchen, etwas ganz Neues, vielleicht sogar „Verrücktes“ ausprobieren, ein neuer Arbeitsplatz, ein neuer Wohnort, neue Freundschaften... Immer wieder sind wir im Leben herausgefordert und eingeladen, neu zu beginnen.

Altes trägt nicht
Geflüchtete haben ihre Heimat, ihr Zuhause, ihre Familie und vieles mehr – sicher aus gutem Grund – verlassen. Weil es dort keinen sicheren Lebensraum mehr gab, weil sie keine Zukunft für ihre Kinder sahen, weil sie krank waren, weil ihr Leben bedroht war, weil ….. so vieles, was wir nicht wissen und uns vielleicht nicht einmal vorstellen können in unserer sicheren Welt, in der wir leben. Manchmal erwischt man sich bei dem Satz „Das kann ich mir gut vorstellen.“ – und denkt gleichzeitig, dass das ziemlich vermessen ist. Man kann versuchen, Wege mitzugehen und mitzufühlen, aber im Gegensatz zu Geflüchteten sind wir an einem sicheren Ort, in einem friedlichen Land und in großer Sicherheit aufgewachsen. Vielleicht gab es auch Brüche im Leben und herausfordernde Neuanfänge, aber es gab und gibt ein gutes, tragendes Fundament.

Von drei ganz unterschiedlichen Neuanfängen soll hier berichtet werden: Was sie verbindet, ist die Flucht aus der Heimat, aus unterschiedlichen Ländern und Gründen.

Momente des Glücks
15 Jahre in Deutschland, die meiste Zeit davon in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber*innen. Schlafzimmer, Küche, Bad – geteilter Lebensraum mit vielen anderen, die alle auf der Suche sind nach einem besseren Leben, einem sicheren Ort, kurz: nach Lebensraum. David* hat sich vor vielen Jahren auf den Weg gemacht, nicht weil Krieg in seinem Land herrscht, nicht weil er bedroht wurde, sondern weil er eine bessere Zukunft für seine Kinder wollte. In seiner Heimat sah er sich dazu nicht in der Lage, lebte wie seine gesamte Familie am Existenzminimum oder darunter. Es kam anders, als erhofft. Alles Bemühen reichte nicht, er scheiterte an Grenzen und Gesetzen. Die lange Zeit des Wartens machte ihn mürbe. Es gab Zeiten, in denen er einen Job hatte, einen Teil des Geldes in die Heimat schicken konnte – Momente des Glücks, sagt er. Aber auf der anderen Seite gab es den zu oft gesuchten Trost im Alkohol. Die folgende Abhängigkeit brachte ihn wegen Diebstahl ins Gefängnis. Bei einem Besuch dort sagt er den bemerkenswerten Satz: „So frei wie hier habe ich mich noch nie gefühlt“. Jedem ist es eher unwohl zwischen verschlossenen Türen, vom Gegenüber getrennt durch eine Glasscheibe, Kontrollen, Überwachung. Wie kann man sich dort frei fühlen? Er beschreibt diese Freiheit als eine Freiheit von Zwängen – vielleicht auch von dem Zwang, etwas Unerreichbares erreichen zu wollen, dabei immer wieder zu scheitern, und immer wieder neu anzufangen.

Überlebt
Äthiopien - Sudan - Libyen - Italien - Deutschland. Eine lange Reise mit vielen traumatischen Erlebnissen liegt hinter Ifrah*. Um das nackte Überleben kämpfte die junge Frau in der Nubischen Wüste des Sudan, immer begleitet von der Frage: „Wieviel Wasser habe ich noch und wie lange reicht das zum Überleben?“ Ifrah, Anfang Zwanzig und mittlerweile selbst Mutter, erinnert sich an einen Mann, der seinen Wasservorrat nicht gut eingeteilt hatte und sie um Wasser anflehte. Einmal gab sie ihm ihre Flasche und er trank sie fast leer. Beim zweiten Mal wusste sie genau, dass sie selbst verdursten würde, wenn sie ihre kleine, eiserne Ration mit ihm teilen würde. „Ich werde nie seinen Blick, seine Schreie, sein Flehen vergessen,“ sagt sie und fühlt sich schuldig. Später auf der Autofahrt durch den Sudan und Libyen: Viele überlebten diese Fahrt nicht, fielen bei überhöhter Geschwindigkeit vom Pick-up, wurden liegengelassen, tot oder lebendig. In vermeintlicher Sicherheit saß Ifrah vorne zwischen Fahrer und Beifahrer. Geschützt war sie dort vor dem Herunterfallen, nicht aber vor den sexuellen Übergriffen der Schlepper während der Fahrt. In Libyen erlebte sie im Gefängnis körperliche, seelische und erneut auch sexuelle Gewalt. Sie ertrug Hunger, hatte Angst...sie erlitt eine Fehlgeburt. Der Hölle des Gefängnisses entkommen, eine Bootsfahrt in einem überfüllten, seeuntauglichen Kahn überlebt, erreichte sie Europa – Italien. Der einzige Wunsch der nach dem Erlebten übrig war, war es, endlich wieder vereint zu sein mit ihrem Mann, von dem sie auf der Flucht getrennt worden war.

Seit zwei Jahren lebt sie jetzt in Deutschland, erlebte schöne, glückliche Momente wie das Wiedersehen mit ihrem Ehemann oder die Geburt eines gemeinsamen Kindes. Zugleich drohen ihr aber erneut traumatische Erlebnisse: eine Rückführung nach Italien und somit die räumliche Trennung von ihrem Mann und damit eine wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerung an Erlebtes. Sie kämpft mit einer schweren Erkrankung und gegen die Ablehnung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Trotz all dieser Erlebnisse strahlt sie bei jeder Begegnung eine unglaubliche Freude und Hoffnung aus. Sie wünscht sich „einfach“ ein sicheres Leben mit ihrer Familie hier in Deutschland und die Chance auf einen Neubeginn.

Warten auf den Neubeginn
„Seit fast einem Jahr bin ich in Deutschland und ich weiß immer noch nicht, ob ich bleiben darf. Ich will endlich wissen, wo ich leben kann“, sagt Joy*, eine junge Frau aus Nigeria. Seit ihrer Kindheit ist sie auf der Flucht – vor ihrer eigenen Familie, die sie zwangsverheiraten wollte, vor wiederholten Vergewaltigungen, vor körperlichen Misshandlungen durch Familienmitglieder, vor der Prostitution. Unter falschen Versprechungen wurde sie von der eigenen Mutter weggeschickt, mit einem Ritual gefügig gemacht und landete so in der Zwangsprostitution. In einem Gespräch sagte sie: „Jeden Tag kamen die Männer und machten mit mir, was sie wollten. Von Männern will ich nichts mehr wissen. Aber ich will endlich Gewissheit.“ Der Neubeginn lässt auf sich warten. Auch diese junge Frau ist – wie viele Andere – ein so genannter Dublin-Fall. Sie müsste eigentlich in ein anderes EU-Land zurück, wo ihr erneut die Zwangsprostitution droht, wo sie sich nicht geschützt fühlt durch die Polizei, wo ihre „Madame“ (Zuhälterin) lebt. Manchmal habe sie keine Kraft mehr zu gehen, sagt sie, keine Kraft mehr zu warten – auf einen Neubeginn, auf ein Leben in Sicherheit.

„Jeder Tag ist für sich selbst genug“
„Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug.“, schrieb die Jüdin Etty Hillesum in ihr Tagebuch. In aller Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Angst, erlebe ich in der Begleitung von Geflüchteten – dankbar, staunend und bewundernd – gleichzeitig auch Mut, eine unglaubliche Kraft und Hoffnung auf einen Neuanfang. Auf ihrer letzten Station nach Auschwitz schrieb Etty Hillesum: „Ich habe jetzt auch wieder die Kraft zum Gehen; ich denke nicht mehr nach über Pläne und Risiken, komme was kommen mag, wie es kommt, wird es gut sein.” (aus: Das denkende Herz, Etty Hillesum). Eine Kraft zum Gehen, komme, was kommen mag, wünsche ich uns in Situationen des Loslassens und des Neubeginns, an jedem neuen Tag.

* Name geändert

Sr. Juliana Seelmann

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