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Mit Leib und Seele Krankenschwester – für viele ist der Pflegeberuf weit mehr als ein Job. Als Schwester Salesia Reußenzehn noch als OP-Schwester im Juliusspital arbeitete, war dieser hohe Anspruch sogar noch wörtlicher zu nehmen als heute: gewohnt wurde damals selbstverständlich in der Klinik; mehrmals in der Woche hieß es antreten zum Dienst bei nächtlichen Not-Operationen. Doch auch heute noch bleibt die 88-jährige Schwester ihrer Lebensaufgabe treu.

„Eigentlich sollte ich die Gastwirtschaft meiner Großeltern in Großlangheim übernehmen, denn sie wünschten sich, dass sie als Familienbetrieb weitergeführt wurde“, erzählt Schwester Salesia. Nach ihrem Schulabschluss hat die junge Ingeborg Reußenzehn tatsächlich fünf Jahre lang in dem Gasthaus gearbeitet, aber irgendwann wusste sie, dass ein Leben als Wirtin auf Dauer nichts für sie war.

FUSSWALLFAHRT BRINGT DIE ENTSCHEIDUNG
Der entstandene Gewissenskonflikt zwischen familiärer Pflicht und religiöser Berufung löste sich schließlich nach einer Fußwallfahrt nach Gössweinstein. Zwei ihrer Großtanten lebten bereits als Schwestern im Kloster Oberzell; im Jahr 1952 trat sie selbst dort ein. Ihr neuer Berufswunsch ergab sich dann wie von selbst. Viele ihrer Mitschwestern wollten Krankenschwestern werden, und von deren Begeisterung angesteckt entschied sich Schwester Salesia ebenfalls dafür.

Acht junge Schwestern begannen 1953 ihre Ausbildung in der Krankenpflegeschule des Juliusspitals. „Das war eine schöne Zeit“, schwärmt Schwester Salesia. Sie berichtet vom großen Zusammenhalt ihrer Kursgruppe. Man habe gemeinsam gelernt, sich gegenseitig geholfen – und auch den einen oder anderen Streich gespielt. „Einmal haben wir einer Mitschwester das mittlere Matratzenteil geklaut, eine Schüssel mit Wasser ins Bett gestellt und das Laken darüber ganz glatt gezogen. War das ein Geschrei, als sie sich müde ins Bett fallen ließ!“, erinnert sie sich vergnügt.

ANSPRUCHSVOLLE ARBEIT
Nach Ende der Ausbildung folgten für Schwester Salesia Noviziat und Profess – und dann ging es zurück ins Juliusspital, wo sie 27 Jahre lang tätig war. Ihr Beruf als OPSchwester war anspruchsvoll, ging es doch dabei um weitaus mehr als das korrekte Anreichen des Operationsbestecks. Sämtliche vor- und nachbereitenden Dienste im OP lagen in ihrer Hand. Manchmal, wenn der Arzt nach einem langen Eingriff zu müde war, galt es, die letzte Hautnaht sauber zu vernähen. „Eine Operation kann sowieso niemand alleine machen, das ist ein ganz präzises Zusammenspiel vieler Menschen“, erklärt sie.
Die ungestörte Nachtruhe war niemals garantiert. „Zwei- bis dreimal pro Woche musste ich raus in den Operationssaal“, erzählt Schwester Salesia. Ob Blinddarm- oder Magendurchbruch oder ein eingeklemmter Nabelbruch – viele Operationen konnten nicht bis zum nächsten Morgen warten.
Manchmal sei sie dabei so müde gewesen, dass sie beinahe im Stehen eingeschlafen wäre. Die Nachtdienste seien meist mit Ordensschwestern besetzt gewesen, da diese ja auf dem Klinikgelände des Juliusspitals lebten. Schon seit 1929 gab es dort eine Niederlassung der Oberzeller Franziskanerinnen; die Schwestern kümmerten sich um Pforte, Aufnahme, Wäscherei, Nähzimmer und die Krankenpflege. Neben den starken Nerven, die man im Operationssaal braucht, brachte Schwester Salesia die ebenfalls benötigte Menschenliebe mit – und einen tiefen Glauben. „Es war schon manchmal schlimm, wenn ein Patient einfach nicht mehr zu retten war“, sagt sie. Die nötige Kraft gab ihr das Gebet, in das sie ihre Patienten und deren Angehörige immer einschloss.

AUCH HEUTE NOCH IST SIE MIT HERZ DABEI
Rückblickend überwiegt jedoch die Dankbarkeit dafür, dass die große Mehrheit aller Operationen gut ausging und die Eingriffe den Patienten zumindest Linderung, oft auch Heilung brachten. Dazu einen Beitrag geleistet zu haben, war für Schwester Salesia immer ein Ansporn und vertiefte ihr Gottvertrauen: „Es ist ein so schönes Gefühl, anderen Menschen helfen zu können!“ Für Schwester Salesia war es ein schwerer Abschied, als die Ordensleitung sie im Jahr 1983 überraschend ins Mutterhaus zurückberief. Die Zahl der älteren Schwestern, die dringend eine umfassendere Gesundheitsversorgung brauchten, war dort und auf den Stationen im Umland sehr groß geworden. Nach vielen Jahren wurde Schwester Salesia plötzlich mobil: Mit dem Auto fuhr sie zu ihren Patientinnen; den Rest der Zeit arbeitete sie im Mutterhaus und im benachbarten Altersheim. Zuerst sei es eine ziemliche Umstellung gewesen, aber dann sei ihr diese Aufgabe ebenso lieb geworden wie ihr früherer Dienst. Schwester Salesia gehört nicht zu denjenigen, die nach ihrer Pensionierung die Hände in den Schoß legen. Auch heute noch greift sie beherzt zu, wenn irgendwo ein Verband anzulegen oder eine Zecke herauszuziehen ist; besonders am Wochenende oder abends, wenn sonst niemand zur Verfügung steht. Auch das Reinigen verstopfter Ohren, das viele als heikel empfinden, vertraut man ihr gerne an – lächelnd verrät sie, dass sie einst sogar Kardinal Döpfner diesen Dienst erweisen durfte.

GOTTVERTRAUEN UND LEBENSFREUDE
Als Schwester Salesia vor einigen Jahren eine schwere Operation hatte und danach einen Schlaganfall erlitt, war kaum zu hoffen gewesen, dass sie wieder auf die Beine käme. Doch ihr Gottvertrauen und ihre Lebensfreude trugen sie auch durch diese lebensbedrohliche Krise. Angst vor dem Tod hat sie nicht. „Wir Menschen müssen sterben, das gehört zum Leben“, sagt sie voller Gelassenheit. Sie sei sich sicher, dann bei Gott gut aufgehoben zu sein. Und bis dahin gebe es sicher noch einige Verbände zu wechseln. Man sieht der fröhlichen Schwester an, dass sie immer noch Freude daran hat, anderen zu helfen.

Karen A. Braun
Würzburger Katholisches Sonntagsblatt

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