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Das diesjährige Grundlagenseminar stand unter dem Thema „Franziskus und der Sultan. Dialog statt Hetze“. Vom 29.-31. März 2019 widmeten sich die 39 Teilnehmenden in Kloster Oberzell dem interkulturellen Dialog. Was bedeutet Religions- und Kulturdialog aus franziskanischer Perspektive? Wie erleben Menschen aus anderen Religionen und Kulturen unsere kulturellen Werte und Muster in Deutschland? Wie lässt sich interkultureller Dialog gestalten?

Die Teilnehmenden spiegelten Buntheit und Vielfalt wider in ihrer Mischung aus Ordensleuten, Ehepaaren und Singles aus verschiedensten franziskanischen Gemeinschaften und Gruppierungen. Bereits der Einstieg griff den Gedanken der ergänzenden Vielfalt auf, bei dem Br. Stefan Federbusch die Initiative „Engel der Kulturen“ vorstellte. Aus den Symbolen der drei monotheistischen Religionen von Judentum, Christentum und Islam ergibt sich ein Engel, der in allen drei Religionen eine Rolle spielt. Dass Kultur einen eigenen Standpunkt erfordert, verdeutlichte Moderator Franz-Josef Wagner mit der Kennlernübung. Alle Teilnehmenden schrieben auf vier Zettel einen ihrer Namen, ihren Lieblingsort, einen Beziehungsstatus (dabei war Ordensschwester ebenso möglich wie leibliche Schwester oder Tante) sowie eine Lieblingstätigkeit. Im Austausch in der Kleingruppe musste jeweils ein Zettel abgegeben werden, um zu schauen, was für mich den wichtigsten Identitätsmarker darstellt.

Den ersten längeren inhaltlichen Input bot Dr. Krijn Pansters von Universität Tilburg mit einem historischen Zugang zur Begegnung des hl. Franziskus mit Sultan Melek al Kamil im Jahr 1219. Er gab eine Einordnung in das Zeitgeschehen sowie einen Überblick über die Quellenlage. Um die Schlussfolgerungen aus den historischen Erkenntnissen ging es in einem zweiten Impuls. Was bedeutet Religions- und Kulturdialog aus franziskanischer Perspektive?

Wie kann es vom Streitgespräch zum Kultur-Dialog kommen? Zu dieser Frage hatte die Vorbereitungsgruppe Hamza Özkan und Michèl Schnabel vom Selam Mainfranken e.V. eingeladen. Die beiden Islam-Lehrer berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen aus dem Schulalltag. Zudem brachten sie den Teilnehmenden eine Menge alltagspraktischer Verhaltensweisen aus islamischer Perspektive nahe wie beispielsweise die Begrüßungskultur, die Frage von Berührungen und des Verhältnisses von Mann und Frau, der Umgang mit Gastfreundschaft usw.

Das Gehörte wurde in zwei Workshopgruppen vertieft. In der einen Gruppe ging es um kulturelle (und religiöse Muster). Hamza Özkan und Michèl Schnabel erläuterten dabei weitere Hintergründe aus der islamischen Tradition wie das Verständnis der Scharia oder die Bedeutung des Kopftuchs. Ähnlich dem Christentum mit seinen Konfessionen gibt es auch im Islam sehr unterschiedliche Richtungen. Wenn beispielsweise in Talkshows nur bestimmte (häufig radikale) Personen eingeladen werden, fühlt sich die Mehrzahl der Muslime nicht adäquat vertreten. Ergänzend berichteten zwei Frauen, Lusine Harutyunyan aus Armenien und Zahra Yusuf Abdi aus Somalia, von ihren Erfahrungen, als sie nach Deutschland kamen. Es zeigte sich, dass die kulturellen Differenzen aufgrund des religiösen Hintergrunds von christlich-orthodox und islamisch unterschiedlich groß waren. Als ein wichtiger Punkt blieb hier die Unterscheidung zwischen kulturbedingt und religionsbedingt.

Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit „Begegnungen – wie wir denken, wie wir handeln“. Sie wurde begleitet von Manuela Dillenz und Tarik Kus von der Jugendbildungsstätte Unterfranken in Würzburg. In verschiedenen Übungen ging es um die Frage der Wahrnehmung und die notwendige Unterscheidung zwischen Beobachtung und Interpretation. Unterschiedliche Positionen zeigten sich in der Definition von Kultur. Die VertreterInnen der Jugendbildungsstätte vertraten einen Kulturrelativismus, bei dem Kultur dekonstruktiviert und vorrangig dem einzelnen Menschen zugeordnet wird. Der traditionelle Kulturbegriff geht davon aus, dass es bei aller Dynamik gemeinsame Werte gibt, die Menschen verbindet und diese sich in kulturellen Mustern ausdrücken. Ein Kulturdialog zielt auf den Austausch über diese Werte, um ein gegenseitiges Verständnis zu wecken. Erst dann kann es gelingen, Vielfalt als Bereicherung anzusehen, indem ich die Angst vor dem Fremden überwinde und innerlich bereit bin, mich durch die Begegnung verändern zu lassen.

Verschiedene Gebetszeiten und die Möglichkeit zu Pilates am Morgen gaben dem Seminar zusätzliche spirituelle Akzente. Seinen Abschluss fand das Grundlagenseminar in der Feier der Eucharistie. Den Schlussimpuls bot das Misereor-Hungertuch von 2017 mit seinem Begegnungsaspekt.

Das Bild beschreibt, was Dr. Krijn Pansters eine „Begegnungsspiritualität“ nannte. Nachdem sich das Grundlagenseminar 2016 mit dem Islam und dem interreligiösen Dialog befasste, bot das Seminar 2019 wichtige Ergänzungen in Richtung Kulturdialog. Beide Aspekte sind miteinander verknüpft und nicht voneinander zu trennen.

Br. Stefan Federbusch

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