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Oberzell
Gebet um die 7 Gaben des heiligen Geistes
Vor 2000 Jahren in Jerusalem: Männer und Frauen hinter verschlossenen Türen. Verunsicherung, Fragen, Warten, Beten. Die Verheißung erfüllt sich. Gott sendet seinen Geist, in seiner Kraft treten die Jüngerinen und Jünger auf und verkünden den Auferstandenen. Geburtsstunde Kirche.
 
Vor 157 Jahren in Oberzell: die Zeit des Suchens, der Verunsicherung, des Fragens liegt hinter Antonia Werr. Neugeburt in der Kirche: eine Gemeinschaft mit ihrem besonderen Sendungsauftrag für Frauen, vom Drängen des Geistes gewirkt, entsteht.
 
Heute: 2012: Immer wieder sind wir herausgefordert, uns selbst, unsere Gemeinschaft und damit die Kirche zu erneuern. Darum beten wir mit der ganzen Kirche um die Gaben des Heiligen Geistes.
"Werdet wahrhaft eine Säule in diesem Bau Gottes", ermutigte Antonia Werr ihre Schwestern. Mit Symbolen aus unserem Kirchenraum und Worten unserer Gründerin bereiteten wir uns am Vorabend des Pfingstfestes auf den 157. Geburtstag unserer Kongregation.

Gabe der Weisheit

Symbol: Vortragekreuz in der Kirche St. Michael

Was kann uns das Vortragekreuz über die Weisheit verdeutlichen? Es strebt von unten rund wie ein Baum aus dem Boden. Das Rund, der Kreis ohne Anfang und Ende erinnert an die Unendlichkeit. Nach oben verliert es sich in vier Kanten, die immer deutlicher, härter, eckiger hervortreten. Viereck, Zeichen für Endlichkeit. Die vier Kreuzesarme werden von vier Bergkristallen gebildet. Je nach Lichteinfall können wir sie sehen oder sie sind im Gegenlicht völlig durchsichtig, unsichtbar. Am Kreuz war die Gottheit Jesu nicht mehr zu erkennen. Erst nach der Auferstehung war für die Jünger und Jüngerinnen die größere Macht und Weisheit Gottes zu erfassen.

Lesung1 Kor 1,18.23-25

Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werdne, ist es Gottes Kraft. Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.

Antonia Werr über die Gabe der Weisheit

„Denn die Natur ist im Menschen listig, verschlagen und […] kurzsichtig; die Gnade des höheren Erkenntnißvermögens aber ist, weil von Gottes Geist unbedingt eingeflößt und berührt, einfach, ohne Verstellung und voll der erhabensten Weisheit.- Sie findet trotz aller Labyrinthe und Verwirrungen des äußeren Lebens dennoch immer in sich den Weg, der sie am einfachsten und sichersten zu Gott und seiner Wahrheit geleiten muß. Wie heißt er?- Es giebt nur einen,- […] und er ist unfehlbar!- Der Weg der wahren Demuth und Gottesliebe!“ W-P [7.2.1854]


Gabe der Einsicht

Symbol: Fenster
Fenster gewähren Aussicht und Einsicht. Als Johannes XXIII gefragt wurde, warum er ein neues Konzil einberufen wolle, hat er ein Fenster geöffnet und geantwortet: Darum! - Wenn wir als Gemeinschaft und Kirche vor Ort Fenster öffnen, was erwartet uns dann? Worauf fällt unser Blick, wie sieht das Leben der Menschen von heute aus? Und welchen Blick, welche Einsicht gewinnen die Menschen von uns? Welche unterschiedlichen Welten, auch Bedrohliches wird uns dann begegnen, befruchten oder beschenken?

Antonia Werr zur Gabe der Einsicht

Lieber trage ich das Kleid der Bettlerin und werde arm, blutarm, als daß ich von dem abgehe, was ich als das Rechte, das Wahre erkenne! O mein Gott! ich fürchte mich zuweilen vor der Kraft, die ich fühle, mich so muthig Allem zu widersetzen, was mir in den Weg gestellt wird! Aber ich kann nun einmal nicht Anders. Ob Gott es ist, der mich so ausrüstet, oder ob es nur mein eigenes verdorbenes Selbst, das wird die Zeit lehren!- Beten Sie für mich, daß mein Muth nie Eigensinn, meine Kraft fest zu stehen auf dem betretenen Wege, nie Verwegenheit ist! W-P 18.11.1854


Gabe des Rates

Symbol: Ambo
„Guter Rat ist teuer“, besagt ein altes Sprichwort. Einem fragenden und suchenden Menschen einen Rat zu erteilen und damit in eine bestimmte Richtung zu lenken bedeutet, eine große Verantwortung zu übernehmen und fordert, vom Ratgebenden, von sich selbst absehen zu können, sich ganz auf den und die Andere einzustellen.
Als Symbol für die Gabe des Rates, lade ich ein den Ambo zu betrachten. Von diesem Ort aus, werden uns täglich die Worte der Heiligen Schrift verkündet. Welchen Rat Jesu, welches Wort des Lebens will ich selber in meinem Leben beherzigen und fruchtbar werden lassen?

Lesung: Röm 11,33-36

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!. Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müßte? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Antonia Werr über die Gabe des Rates

P. Guard[ian] […] nennt mich eine Tiftlerin und er hat Recht, aber mit all meiner Vorsicht und meinem Hineindenken in alle möglichen Fälle werde ich doch zuweilen etwas verkehrt anfangen; denn Gott allein gehört die Zukunft, und verborgen hat er unseren kurzsichtigen Blicken Seine geheimen Rathschlüsse und Anordnungen!- […] so viel ist auch gewiß, daß jedes Wort, was ich schreibe, nach allen Seiten hin durchdacht wird und wurde, bevor ich es abzuschicken wagte. W-P [2.12.1854]


Gabe der Stärke

Symbol: Säule
Was könnte Stärke nicht besser symbolisieren, als die Säulen, die dieses Kirchenhaus tragen und damit den Raum schaffen, in dem wir uns befinden. Dieser Raum wird durch Mauern und Dach nach außen abgegrenzt und freigehalten als heiliger Raum, in dem wir das Heilshandeln Gottes in der Liturgie feiern. Der Anfang der Kirche als Gemeinschaft von Menschen ohne dafür ausgewiesene Orte hat jedoch anders ausgesehen. Die Jünger und Jüngerinnen haben sich aus Furcht versteckt, die Türen verbarrikadiert, waren verwirrt und verängstigt und wußten nicht, wie es weitergehen sollte. Erst der Pfingstgeist hat sie ermutigt, die Botschaft des Auferstandenen in die Welt zu tragen.
Auch heute läuft unsere Kirche Gefahr, sich abzuschotten und in ihren Traditionen und festgefahrenen Konventionen zu verharren statt sich den Freuden und Hoffnungen, der Trauer und Angst der Menschen auszusetzen. Bitten wir um Gottes Leben spendenen Geist, wo wir selber bequem und gleichgültig geworden sind.

Antonia Werr über die Gabe der Stärke

Gott hat zwölf arme Männer zu Gründern Seiner heiligen Religion gemacht, warum sollte Er nicht auch eine arme, Ihm vertrauende Seele zur Gründerin eines Institutes machen können?


Gabe der Erkenntnis/ heilige Wissenschaft

Symbol: Kerze
„Mir ist ein Licht aufgegangen“, sagen wir bisweilen, wenn wir einen tieferen Zusammenhang erfassen dürfen.
Wir Menschen streben danach, die Welt zu entdecken, ihre Gesetzmäßigkeiten zu erforschen und uns die Materie zu Nutzen zu machen. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften haben sich die Entwicklungen in den letzten 100 Jahren in einem Tempo vollzogen, wie nie zuvor. So vieles ist machbar geworden, bis dahin, dass der Mensch durch künstliche Befruchtung und Stammzellenforschung in das Leben selbst eingreifen will. Die Ausbeutung der Schöpfung und ihrer Ressourcen führt uns aber auch an die Grenzen des ethisch Verantwortbaren und zeigt uns den Wahnsinn des Machbaren.

Antonia Werr über die Gabe der Erkenntnis

Wenn Sie mich nicht auslachen wollen, so will ich Ihnen freimüthig gestehen, daß ich doch noch, vor dem ich meine Anstalt anfing, vor Etwas großen Respekt hatte und zwar vor großer Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Bildung. Jetzt denke ich aber nicht mehr so; denn was ein Geist aufbaut, reißt der Andere wieder nieder und es giebt auf dieser Erde in keiner Sache eine Vollendung! Niemand ist gut als Gott allein! Und dieses Wort begreift Alles in sich, was vollkommen ist. Keine Sache, kein Werk ist gut ohne Gott - und nur in Ihm ist es gut; außer Ihm ist alles Eitelkeit der Eitelkeiten!- Alles dieses aber macht mich noch fester in dem Entschlusse, aufmerksam auf das zu sein, was Gott von mir verlangt und Seinen Willen höher zu achten als Alles! W-P [26.6.1857]

Gabe der Frömmigkeit

Symbol: Kuppel
Frömmigkeit findet ihren Ausdruck in der Ehrfurcht vor Gott und in dem barmherzigen und respektvollen Umgang mit den Lebenden und den Toten. Gottes-dienst und Menschen-dienst sind nicht voneinander zu trennen. Deshalb hat auch Jesus die reine Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer verteilt, weil sie die Menschen mit ihren Nöten aus dem Blick verloren. Fragen wir uns, wo unsere Kirche mehr auf Vorschriften pocht als Barmherzigkeit walten zu lassen?

Antonia Werr über die Gabe der Frömmigkeit

„Nicht zu deinen Füßen, Jesus, will ich ruhen, sondern an deinem Herzen! Nicht mit einigen frommen Regungen will ich mich begnügen, nein, mit dem festen Entschluß, um deinetwillen alles hinzugeben: meine Freunde, alles, woran mein Herz bis jetzt hing!“

Gabe der Gottesfurcht

Symbol: Tabernakel
Unsere Beziehung zu Gott drücken wir ganz unterschiedlich aus: Wir dürfen glauben, wir sind eingeladen Gott zu lieben, wir können ihm dienen. Die Hl. Schrift spricht auch davon, dass Menschen Gott fürchten sollen. Die Furcht bildet zunächst den Hintergrund aller Religionen. Die Erscheinungen des Göttlichen erzeugen starke Gefühle, die bis zu Panik und Schrecken reichen können. Das Göttliche fasziniert und erschreckt zugleich. Das gilt von der Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch bis zum Finden des leeren Grabes am Ostermorgen. Selten ist in der Bibel von Gottesfurcht die Rede, ohne dass das Wort: „Fürchte dich nicht“ gegenüber gestellt wird. Die Furcht, der Schrecken vor dem Allmächtigen darf dem Vertrauen, der Hingabe, dem ehrfurchtsvollen Staunen vor Gottes Größe und Liebe zu uns Menschen weichen.
Lassen wir uns in einer Zeit der Stille in die Liebe des dreifaltigen Gottes hinein nehmen, der uns als Schöpfer das Dasein geschenkt hat, der uns in Jesus Bruder geworden ist und uns mit seinem Geist gesalbt hat.


Antonia Werr über die Gottesfurcht

[S]o mühsam auch mein Beruf ist, so gerne vollbringe ich denselben und möchte ihn nicht um alles in der Welt vertauschen! Es ist eine eigne Sache um den Beruf; Gott führt den Menschen dahin, wo er ihn haben will.
Bei all diesem bin ich ruhig, ja sogar heiter und so zufrieden und vergnügt, wie ich es nie gewesen. Was will ich auch machen? Ich bin in Gottes Hand und es steht bei Ihm, mit mir zu thun, was Er will. W-P [6.8.1855]

Gebet:
Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.
Amen

Veröffentlicht: 26.05.2012 Sr. Rut Gerlach
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