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Oberzell
Innere Leere aushalten
Werden die Kirchen in Deutschland immer leerer? So kann man es immer wieder neu lesen, wenn eine neue Statistik der deutschen Bischofskonferenz über Kirchenaustritte und Gottesdienstbesucherzahlen veröffentlicht wird. Dabei ist eine leere Kirche ein wichtiges Symbol, das uns die Botschaft dieses letzten Sonntages der Osterzeit erschließen kann. Wieso? So werden sie sich jetzt vielleicht fragen! Eigentlich sollte sich doch gerade ein Priester am Sonntag eine volle Kirche wünschen! Doch was meine ich damit?

Nehmen wir einmal als Beispiel unsere schöne Klosterkirche hier in Oberzell. Sie ist ein Raum, der frei ist vom alltäglichen Treiben und der Hektik um uns herum. Sie wird absichtlich frei gehalten und steht die meiste Zeit des Tages leer, auch Sonntags. Denn auch in einer Klosterkirche sind den Tag über nur wenige Stunden Gottesdienst zu verzeichnen, manchmal nicht einmal eine Stunde! Ansonsten ist sie ein leerer Raum, eigentlich nutzlos, wenn wir es allein unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachten. Doch diese Leere gehört zum Wesen einer Kirche und damit wird sie zum Symbol dieser ganz eigenen Zeit des Kirchenjahres, in der wir momentan stehen: Jesus, dessen Tod und Auferstehung wir gefeiert haben, ist in den Himmel aufgefahren und damit aus dem Blickfeld seiner Jünger verschwunden. Er ist auf Erden nicht mehr sichtbar, und was an seine Stelle treten soll, der Heilige Geist, ist den Jüngern noch nicht klar. In ihnen bleibt eine innere Leere zurück. Sie wissen noch nicht, wie es ohne Jesus weitergeht. Und ich denke darin sind sie uns – obwohl wir wissen wie es damals mit Pfingsten weitergegangen ist - sehr nahe. Spüren nicht auch wir, obwohl wir in einem Kloster leben, manchmal eine innere, spirituelle Leere? Haben wir nicht auch manchmal das Gefühl: Jesus ist nicht mehr da in meinem Leben? Ich spüre ihn nicht mehr! Ich bin innerlich leer und resigniert. Doch diese Leere gilt es auszuhalten – nicht nur in diesen Tagen bis Pfingsten, sondern überhaupt im Leben und im Glauben. Dieses Gefühl kann uns nämlich immer wieder überkommen. Und vielleicht kann es uns dabei hilfreich sein, wenn wir uns in solchen Zeiten innerer Leere einmal bewusst in eine leere Kirche zu setzen. Sie möchte uns helfen, unsere eigene innere Leere anzunehmen und zuzulassen, denn sie ist die Vorraussetzung dafür, dass wir Gott wieder neu erfahren können. Dafür kann uns auch der leere Kirchenraum ein Zeichen sein: Auch wenn dieser kunstvoll ausgestattet ist, so bleibt doch das Wichtigste in ihm verborgen und unsichtbar: Gott selbst. Ihn kann kein Raum fassen und kein Mensch begreifen. Denn ein Kirchenraum, die Liturgie, die darin gefeiert wird, der Gesang und die Gemeinschaft derer, die mitfeiern, haben einen anderen, tieferen Sinn: Sie wollen gleichsam einen Raum der Leere bereiten, damit Gott darin erfahrbar werden kann. Hinter der realen Wirklichkeit, die sich in Leere, in einem freien Ort ausdrückt, ist Gott verborgen. Und nur wenn wir diese Leere äußerlich und innerlich aushalten, kann das Erhoffte unerwartet geschehen, dass Gott plötzlich erfahrbar wird so wie es schon der Patriarch Jakob im Alten Testament erfahren hat, wenn er sagt: „Wahrlich Gott war an diesem Ort und ich wusste es nicht.“ Für mich als Mensch heißt dies auch, zu dem zu stehen, der ich oder die ich bin, gerade auch in den Erfahrungen innerer Leere. Und dabei darf ich wissen: Ich muss nicht mehr oder weniger aus mir machen, als das was ich wirklich bin. Das ganze Theater mit der Wichtigtuerei darf ich sein lassen. Denn ich darf einfach da sein im leeren Raum der Gegenwart Gottes, der mich liebt so wie ich bin. Nur eines muss ich tun: Ihm mein leeres Herz immer wieder neu öffnen, damit Er es erfüllen kann mit Seiner Liebe. Oder wie es die geistliche Schriftstellerin Simone Weil einmal sinngemäß sagte: „Eine Leere, von der Gnade Gottes geschaffen, die Gnade Gottes zu empfangen, seinen Hl. Geist.“

Veröffentlicht: 21.05.2012 Achim Wenzel
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