Diese Erfahrung müssen auch wir machen oder haben sie vielleicht schon in ähnlicher Weise machen müssen: Jedes Mal, wenn einem Menschen die Welt, in der er lebt, zusammenbricht, scheint damit die Welt als ganze unterzugehen. Von jetzt auf gleich können urplötzlich Welten zusammenbrechen. Eine Routineuntersuchung beim Arzt bringt es ans Licht: Diagnose Krebs. Lebenserwartung maximal noch ein halbes Jahr. Eine unverhoffte wirtschaftliche Umstrukturierung lässt von heute auf morgen den Arbeitsplatz verschwinden. Das mussten jetzt die Arbeiter und Arbeiterinnen bei Opel und Quelle erleben. Eine persönliche Beziehung scheint ungefährdet. Gedankenlos fühlt man sich sicher. Doch dann die schmerzliche Offenbarung, wie ein Stich ins Herz: der eigene Partner hat eine neue Beziehung! Das bisherige gemeinsame Glück ist nur noch ein Scherbenhaufen. Eine Welt bricht zusammen immer wieder im Leben. Plötzlich hat man keinen Halt mehr. Nichts stimmt mehr und nichts trägt mehr wie bisher. Man ist am Ende. Vom Ende spricht auch das heutige Evangelium (Mk 13,24-32). Vom Ende der Welt. In jenen Tagen wird sich die Sonne verfinstern! Ein unheimlicher Text! Wie kommt ein solcher Text in das Evangelium und somit in den Mund Jesu? Die Bibelforschung spricht hier von einer besonderen Literaturgattung, von sogenannten apokalyptischen Texten. Wichtig ist dabei der historische Kontext, in dem diese Texte damals am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus entstanden sind. Die Christen hatten unter der römischen Besatzungsmacht zu leiden und wurden verfolgt. Für sie schien damals auch eine Welt zusammenzubrechen und so fragten sie in dieser Extremsituation drohender Todesgefahr nach dem Willen Gottes. Im Evangelium wird versucht im Bild des Feigenbaums darauf eine Antwort zu geben. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Bis heute kann man in Israel solche Bäume sehen. Im Frühjahr haben sie noch sperrige Zweige mit lediglich anfanghaft spießendem Grün, doch schon kurze Zeit später kann man kraftvolle, üppige Blätter bewundern. Übertragen auf unser Leben heißt das für mich: Wir dürfen schon an den dürren Zweigen sehr bald mit üppigen Blättern rechnen, in dem Zusammenbruch trotzdem auf einen neuen Anfang hoffen! Denn manchen Zusammenbruch unserer Welt, manches Scheitern in unserem Leben dürfen wir auch als eine Chance begreifen, nicht mehr so weiter zu machen wie bisher, sondern uns neu zu orientieren, neu anzufangen. Und selbst in der schmerzlichen Begegnung mit dem Tod ist uns das tröstende Wort von Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom zugesprochen: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn ob wir nun leben oder sterben, wir gehören dem Herrn! Und wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden! Für mich ist eine Welt zusammengebrochen diese Erfahrung müssen wir aushalten im Leben, immer wieder. Aber wir müssen daran nicht zerbrechen, sondern dürfen uns im Glauben immer wieder aufrichten lassen wie es ein spiritueller Mensch unserer Tage sinngemäß einmal so ausgedrückt hat: Gott ist ein Gott des Lebens. Wo er brechen und zerbrechen, wo er untergehen, wo er sterben lässt, da will er neues Leben schaffen. So muss das Weizenkorn erst sterben. Es muss untergehen, dann bringt es viele Frucht... es muss eine herrliche neue Welt sein, die Gott aus unserem Sterben erstehen lassen will, es muss eine wunderbare Ordnung sein, die er aus unseren persönlichen Katastrophen und den Ruinen unseres Lebens neu gestalten will. Amen |