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Oberzell
Leben aus dem Vertrauen größer als Angst und Sorge
Kennen Sie das Märchen vom jüdischen Flickschuster? „Unerkannt ist der König bei ihm zu Gast und fragt ihn, wie er sein täglich Brot verdient? Ich bin Flickschuster, antwortet der Mann. Jeden Morgen gehe ich mit meinem Handwerkskasten durch die Stadt und die Leute bringen ihre Schuhe zum Flicken auf die Straße. Darauf fragt ihn der König: Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit bekommst? Morgen, sagt der Flickschuster, Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag.

Der König will sein Gottvertrauen auf die Probe stellen und lässt darauf in der Stadt jede Flickschusterei verbieten. Sonderbar, denkt der Schuster. Was doch Könige für seltsame Einfälle haben! Nun, dann werde ich heute Wasser tragen; Wasser brauchen die Leute jeden Tag. Am Abend hat er soviel verdient, dass es für das tägliche Brot reicht. Der König kommt wieder unerkannt als Gast zu ihm und sagt: Ich hatte schon Sorge um dich, als ich die Anschläge des Königs las. Wie hast du dennoch dein Geld verdienen können? Der Schuster gibt Bescheid. Der König fragt ihn darauf: Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest? Morgen? antwortet der Schuster. Gott sei gepriesen Tag um Tag.

Noch viele Male stellt der König den armen Schuster auf die Probe. Vergeblich! Der arme Mann besteht jede Probe. Sein Gottvertrauen ist unerschütterlich. Da gibt der König schließlich auf, er gibt sich dem Flickschuster zu erkennen, umarmt ihn und sagt: Von heute an sollst du mein Ratgeber sein. Wer so vertrauen kann wie du, der hat Gott zum Verbündeten.“ Ein Märchen von einem Menschen, der sich einfach keine Sorgen macht und ohne Absicherungen lebt. Ein Mensch, der aus dem heutigen Tag das Beste macht und sich für morgen ganz der Fürsorge Gottes überlässt. Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!

Ein Mensch, der aus einem tiefen Vertrauen und nicht aus materieller Sorge und Angst lebt. Ob es solche Menschen nur im Märchen gibt? Nein, auch im Evangelium (Mk 12,41-44) heute ist von einem solchen Menschen die Rede. Die arme Witwe, die uns Jesus im heutigen Evangelium vor Augen stellt, tut etwas Großartiges. Sie, die kaum das Nötigste zum Leben hat, opfert alles, was sie besitzt. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, für welchen Zweck sie ihr Opfer bringt. Es heißt nur ziemlich unbestimmt für den Tempel. Es geht also nicht um den Zweck des Opfers, sondern um die Haltung, die dahinter steht, um das Abgeben - Können als solches.

Es gibt solche Menschen, die alles hergeben und loslassen können, Franziskus war auch einer von ihnen. Auch wir können solche Menschen werden, die mehr Vertrauen in Gott haben als Angst um sich selbst. Geld macht nicht glücklich, sagen wir, aber es beruhigt. Es verleiht uns das scheinbare Gefühl der Sicherheit. Ein trügerisches Gefühl, denn eine Sicherheit für unser ganzes Leben, die ihren Namen wirklich verdient, gibt es nicht. Alle materiellen Dinge sind vorläufig und vergänglich. Aber auch unsere Gesundheit, unser persönliches Glück, ja letztes unser Leben selbst sind nicht selbstverständlich und absolut sicher.

Die Erfahrung von Krankheit, Enttäuschung und Tod beweist uns diese Tatsache, ob wir sie nun wahrhaben wollen oder nicht. Schauen wir daher noch einmal auf die Witwe im Evangelium. Sie gibt mit ihrem letzten Cent auch ihre letzte Sicherheit ab. Sie spürt: Eine letzte Sicherheit gibt es nur im Vertrauen auf Gott! Sie vertraut wie der Flickschuster darauf, dass Gott ihr Leben erhält, auch wenn sie nichts mehr hat. Er ist ihr letzter Halt und ihre letzte Sicherheit. Sie ist daher in ihrem Glauben wir ein kleines Kind, das in die Arme seines Vaters springt, auch wenn es ihn nicht sieht. Werden auch wir zu solchen Menschen wie diese Witwe oder wie der Schuster aus dem Märchen. Lassen wir dieses Märchen in unserem Leben wahr werden! Versuchen wir einmal all das loszulassen, was uns abhängig macht von materiellen Dingen, aber auch von Menschen! Vertrauen auch wir darauf, dass es Gott gut meint mit unserem Leben und uns das gibt, was wir wirklich zum Leben brauchen, was letztlich mit Geld nicht zu bezahlen ist: Die Erfahrung geliebt zu sein und den Halt nicht zu verlieren im Leben und im Tod! Denn wir können nicht tiefer fallen, wenn wir uns loslassen, als in die Arme Gottes, unseres Vaters im Himmel.
Amen.

Veröffentlicht: 08.11.2009 Achim Wenzel
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