Gesellschaft
Grenze und Freiheit
Ein Zeichen unserer Zeit ist die
Globalisierung und gleichzeitige Lokalisierung
. Durch die weltweite Vernetzung ist jeder mit
jedem verbunden. Nichts geschieht auf Weltebene, an dem nicht alle Menschen auch
im abgelegensten Teil der Erde teilnehmen können. Durch diese
Ausweitung unserer Lebensbereiche entsteht gleichzeitig eine Angst vor Entwurzelung und
Konzentration auf den eigenen Bereich. Angesichts der globalen weltweiten Vernetzung
brauchen die Menschen auch eine überschaubare kleine Welt im eigenen "Dorf".
Ein Zeichen unserer Zeit ist die verstärkte Tendenz zur
Individualisierung. Heute neigen immer mehr Menschen
dazu, nur für sich selbst zu sorgen und sich in ihrem kleinen privaten
Lebensbereich ihre eigene Welt aufzubauen. Frei zu sein, sich etwas leisten zu
können und das eigene Leben selbst bestimmen zu können gilt als hohes Gut. Diese
Tendenz, das eigene Leben allein meistern zu können, offenbart dann den
Allmachtswahn, wenn Situationen eintreten wie Krankheit, Tod, Verschuldung,
Arbeitslosigkeit. Erst dann werden wir erinnert an unser Angewiesensein
aufeinander. Wir stoßen an die Grenze der Selbstbestimmung.
Beziehungslosigkeit und Beziehung
Ein Zeichen unserer Zeit ist die
Bildung neuer Milieus. In unserer Gesellschaft gibt es die Möglichkeit zu
großer Mobilität. Durch Studium und Berufsausbildungen sind mehrfache
Wohnortswechsel völlig normal. Dadurch entstehen wechselnde Bezugsgruppen, in
denen Menschen sich in unserer Gesellschaft bewegen. Auch kirchliche
Bezugsgruppen wechseln im Laufe des Lebens. Kaum jemand bleibt mehr in der
Heimatgemeinde, in der er getauft wurde. Es bilden sich ständig neue Milieus,
d.h. neue Gruppierungen, die Menschen für eine Zeit Heimat geben.
Ein Zeichen unserer Zeit ist die fortschreitende
Ausdifferenzierung aller Lebensbereiche. Wir stellen fest, dass es in
unserer Welt immer mehr Spezialisten für bestimmte Fachbereiche gibt. Wer z.B.
beruflich im technischen Bereich tätig ist, muss sich ständig fortbilden, um auf
dem Laufenden zu sein. Andere "Laien" können an seinem Fachwissen kaum mehr
teilhaben. Die zunehmende Spezialisierung hat isolierende Folgen.
Schuld und Erlösung
Ein Zeichen unserer Zeit ist das
Wiedererwachen von Religion inmitten weltweiter Säkularisierung und
Entkirchlichung. Angesichts gerade der unüberschaubaren Entwicklungen stellen
immer mehr Menschen die Frage nach dem eigentlichen Sinn. Es kommt zu einer
neuen Suche nach Religion und sinnstiftenden Aspekten in unserem zerrissenem
Leben. Dabei ist die Sinnsuche vielfach außerhalb der organisierten Kirchen
angesiedelt.
Ein Zeichen unserer Zeit ist die wachsende Zahl von
Verliererinnen und Verlierern. Wer bei den schnellen und
leistungsorientierten Entwicklungen unserer Zeit nicht mithält, ob er nicht kann
oder nicht will, fällt aus dem sozialen Netz heraus und verelendet schnell. Die
unverschuldete Not ist Fluch und Segen zugleich. Wer in Not gerät, erleidet dies
wie einen Schicksalsschlag, in dem die Aktien von heute auf morgen im Minus
landen. Dies ist eine totale Ohnmacht großen globalen Wirtschaftszusammenhängen
gegenüber. Eine solche Not macht aufmerksam auf die Schuldzusammenhänge, denen
wir uns nicht entziehen können und somit immer erlösungsbedürftig bleiben.
Insofern ist sie ein Segen. Diese Not macht schuldig und
barmherzig.
aus: Schlussdokument, Generalkapitel 2001,
S.4-6
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