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Wenn Gott herunter kommt...
Es war vor ein paar Jahren kurz vor Weihnachten. Mein Neffe Manuel, damals vier Jahre alt, kommt nach dem Kindergarten nach Hause. Sofort ruft er seine jüngere Schwester: „Komm, Amelie, ich zeig dir das Krippenspiel, das wir heute im Kindergarten gelernt haben.“ Bereitwillig folgt die Zweijährige ihrem Bruder ins Wohnzimmer. „Du musst gar nichts machen! – Ich bin die Mutter Maria und Du bist das Jesuskind!“ Voller Eifer holt Maria das Schaffell aus dem Kinderzimmer und bettet darauf ihren Sohn. Dieser lässt alles vergnügt mit sich geschehen.
Menschwerden heißt den Abstieg wagen

Aus der Küche verfolgt meine Schwägerin gespannt das weihnachtliche Spiel. Maria redet ihrem Kind freundlich zu. Da kommt die Stelle, an der Maria Jesus auf den Arm nehmen will, um es zärtlich zu liebkosen und zu wiegen. Und damit beginnt das Dilemma. Denn Jesus, alias Amelie, ist mit ihren zwei Jahren auch schon ziemlich groß und schwer. – Maria, auch nicht von schlechten Eltern, lässt sich kurzerhand ein kleines Wunder einfallen. Nach einer verlegenen Stille ruft Maria erlösend aus: „Ach, mein liebes Jesuskind, wie gut, dass Du ratzfatz schon so groß geworden bist, dass du alleine aufstehen kannst.“

Seitdem wird diese Geschichte bei unseren Familientreffen an Weihnachten immer wieder neu aufgetischt. Mir ist vor allem das „ratzfatz“ hängen geblieben, mit dem sich Maria aus der misslichen Lage befreite. „Ratzfatz“ hat das kindliche Spiel eine Wende genommen. „Ratzfatz“ ist eine Lösung da. „Ratzfatz“ kann sich das Kind selbst helfen. „Ratzfatz“ wird alles wieder gut…

Wenn es nur so einfach wäre! Dabei scheint es im menschlichen Leben tatsächlich oft so, als würden wir alles daran setzen, um bloß keine Hilfe zu brauchen. Zunächst bedeutet menschliche Entwicklung ja tatsächlich: Die Kinder werden groß, selbstständig, erwachsen. Wir lernen dazu, bilden uns fort, werden fähig Einfluss und Verantwortung zu übernehmen. Hauptsache, wir kommen über die Runden und können unser Leben gut meistern.

 Das christliche Weihnachtsfest bringt uns aber eine andere Botschaft nahe: Gott selber geht den umgekehrten Weg. In Jesus wird er ein Kind. Gott wagt den Abstieg. Vom Himmel auf die Erde. Von oben nach unten. Von der Ewigkeit hinein in die Zeit. Vom unerreichbar fernen Gott in die Nähe menschlicher Begegnung. Das hat Menschen aller Zeiten so fasziniert, dass sie selber ihrem Leben eine neue Richtung gaben. Zum Beispiel Franz von Assisi. Der reiche Tuchhändlersohn wählte das Leben eines Bettlers. In den Aussätzigen, in den von der Gesellschaft Ausgestoßenen entdeckte er das Gesicht Jesu und wollte ihr Bruder sein. Freilich ging das nicht ratzfatz. Es kostete ihn Zeit, seinen Ekel zu überwinden und vom hohen Ross zu steigen. Es war ein Weg des Nachdenkens, Umdenkens, der Umwandlung. Ein Weg der Einkehr und Entscheidung und dann der konsequenzen Neuorientierung – egal, was die Leute sagen.

Oder Antonia Werr: Die Gründerin unserer Gemeinschaft der Oberzeller Franziskanerinnen erblickte im 19. Jahrhundert in Frauen, die in Not geraten waren, das menschliche Antlitz Gottes: in Landstreicherinnen und Prostituierten, verwahrlosten und haftentlassenen Frauen. Und sie stellte sich mit ihnen auf eine Stufe, lebte zusammen mit ihnen – egal, was die Leute sagen.

Oder Mutter Teresa oder Charles de Foucould – oder…

Namenlose Frauen und Männer unserer Tage, die sich ehrenamtlich in Suppenküchen engagieren, in Asylaufnahmelagern, Hospizen, auf Palliativstationen oder in Alten- und Pflegeheimen.

Das menschliche Gesicht Gottes entdecken in den herunter gekommenen Menschen unserer Tage. Wer fällt Ihnen ein? Der eigene alkoholabhängige Vater etwa? Die psychisch kranke Nachbarin? Der unliebsame Arbeitskollege? Die bettlägerige Mutter? Der Enkel, der seltsame Wege geht…?

Jesus nachzufolgen in der Mensch-werdung ist wahrlich kein leichter Weg. Er erfordert Zeit. Er fordert Um-denken. Das geht nicht ratzfatz. Es erfordert Innehalten. Genau hinsehen. Es hat mit Ent-scheidung zu tun. Und mit Spiritualität.

Und: es bedeutet sich auf Augenhöhe begeben mit Menschen, die liegen geblieben sind, die noch nicht oder nicht mehr allein aufstehen können.
Es bedeutet, Menschen unter die Arme zu greifen, die den Halt verloren haben und sich dabei nicht gönnerhaft herunterzubeugen, sondern wirkliche Zuneigung zu schenken.
So wird Weihnachten erfahrbare Wirklichkeit: in echten, menschlichen Begegnungen und Gesprächen. Wenn wir aufmerksam und achtsam sind für das, was unser Gegenüber wirklich braucht.

Das Reich Gottes nimmt wirklich Gestalt unter uns an mit einem menschlich, barmherzig, liebevoll. Nicht ratzfatz, aber kontinuierlich, bleibend, verborgen und bisweilen aufscheinend wie ein helles Licht.

Allen, die diese Zeilen lesen, wünscht die Internetredaktion des Klosters Oberzell, dass Ihnen immer wieder die Augen, Ohren und Herzen aufgehen für dieses Geheimnis der Menschwerdung unter uns und dass Sie selbst entdecken, dass der Weg nach unten Sie nicht kleiner, sondern größer macht, menschlicher und damit Gott ähnlicher.

Veröffentlicht: 23.12.2009 Sr. Katharina Ganz
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